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No. 10 · Mai 2026 Was die Kunst weiß. Archiv

Markt & Preise

New York wartet auf den Mai-Zyklus

Die Wochen vor den großen Frühjahrsauktionen in New York haben in diesem Jahr eine eigene Choreografie. Christie's hat im März eine Konsignation aus dem Nachlass von S. I. Newhouse über rund 450 Millionen Dollar gesichert — etwa 40 Werke, die in den Evening Sales am 18. Mai versteigert werden. Geführt wird das Kontingent von Jackson Pollocks Drip-Painting Number 7A (1948) und der bronzenen, gold-patinierten Danaïde (ca. 1913) von Constantin Brâncuși. Beide Lose tragen Schätzungen von je rund 100 Millionen Dollar. Die Danaïde hatte Newhouse 2002 für 18,2 Millionen Dollar erworben — damals ein Auktionsrekord für den Bildhauer.

Sotheby's antwortet auf den Coup mit dem Verkauf der Sammlung des Galeristen und Financiers Robert Mnuchin am 14. Mai. Geschätzt wird das Konvolut auf über 130 Millionen Dollar, im Zentrum steht Mark Rothkos monumentales Brown and Blacks in Reds (1957) mit Taxe von 70 bis 100 Millionen. Das Bild gehörte einst Joseph E. Seagram & Sons und ist eines von nur fünfzehn Großformaten, die Rothko 1957 schuf — die meisten davon liegen heute in Museumssammlungen. Die letzte Auktion 2003 bei Christie's brachte sechs Millionen; eine mehr als zehnfache Steigerung am unteren Schätzwert.

Im selben Zyklus kommen Andy Warhols Double Elvis [Ferus Type] (1963, Schätzung 25 bis 35 Millionen) und Jean-Michel Basquiats Museum Security (Broadway Meltdown) (1983, Schätzung 45 Millionen) zum Aufruf. Die Konzentration auf trophäenwürdige Einzelwerke aus geschlossenen Sammlungen ist Strategie: Nach einem von Luxusgütern und privaten Deals getragenen 2025 — Sotheby's setzte sieben Milliarden Dollar um, Christie's 6,2 Milliarden — testet der Markt jetzt erneut, ob die ganz oberen Preisstufen tragen.

Im Kommen — Names to Watch

Drei Positionen, die gerade Fahrt aufnehmen

Die folgenden drei Künstlerinnen vereinen das, was momentan im Markt belohnt wird: institutionelle Aufmerksamkeit, neue oder gewechselte Top-Galerie und ein Werk, das maleritisch nicht beliebig ist.

Die in Los Angeles lebende Malerin ist nach der Schließung von Blum & Poe zu Pace Gallery gewechselt. Ihre dicht geschichteten, kaleidoskopisch wirkenden Abstraktionen sind in den Sammlungen des MOCA Los Angeles, des Walker Art Center Minneapolis und des Hirshhorn Museum vertreten. Das Pace-Debüt Eyelets of Alkaline lief von Januar bis März 2026 in Los Angeles und markierte einen bewussten Bruch mit ihrer früher chromatisch übersteuerten Phase.

Die Abstraktion der 34-jährigen Kalifornierin ist eine der konsequentesten der jüngeren Generation: Wirbel und Eddies aus Farbe, die in synästhetischer Spannung zwischen Bild und Klang stehen. Zwischen 2022 und 2023 erzielten ihre Werke 11,3 Millionen Dollar Auktionsumsatz in New York, Hongkong und London. Ihre Galerie David Kordansky zeigt sie auf der Art Basel Qatar im Februar 2026 — ein deutliches Signal, dass die Abstraktion auch im Naher-Osten-Markt verankert werden soll.

Die in London geborene und in Somerset arbeitende Malerin (geb. 1991) gehört zur Liga der figurativen, atmosphärisch arbeitenden britischen Position. Ihre nebligen Bergketten und ambivalenten Innenräume erinnern an osteuropäische Erzähltradition, ohne illustrativ zu werden. Mit Timothy Taylor hatte sie 2025 ihr US-Solodebüt — die nächste Stufe institutioneller Resonanz steht aus.

Stil & Material

Was gerade auf der Leinwand passiert

Die augenfälligste Bewegung der Saison ist die Rückkehr zur sichtbaren Hand. Wo das vergangene Jahrzehnt von glatt-fotografischer Figuration und algorithmisch sauberen Oberflächen geprägt war, signalisieren die wichtigsten Galerieprogramme jetzt das Gegenteil: ungelenke Proportionen, lockere Linien, scheinbar zufällige Marken — alles als bewusste Absage an die Perfektion. Die Maddox-Galerie hat den Begriff Naïve Painting für diese Kuratorenmode wiederbelebt; gemeint ist weniger ein Stil als eine Haltung gegenüber dem Bildermachen unter den Bedingungen generativer KI.

Parallel dazu kommt die Punk- und Grunge-Ästhetik zurück. Raue Oberflächen, geschichtete Texturen, Cut-outs, rohe Typografie und Materialbrüche werden nicht mehr nur als Stilgesten gelesen, sondern als Widerstand gegen die Bildhygiene des Digitalen. Bei den Pigmenten zeigt sich derselbe Reflex: Die Saison gehört den gedämpften, atmosphärischen Paletten — Kohle, Erdöle, staubiges Acryl. Es ist kein Zufall, dass Anna Parks Kohlezeichnungen gerade institutionell so resonieren.

Im historischen Bezug verhandelt die zeitgenössische Malerei das Rokoko und das nördliche Renaissance-Bild neu. Flora Yukhnovich ist hier die formgebende Stimme: Ihre Venezianer-Ausstellung Egg bei Victoria Miro öffnet die Bezugslinien von Boucher und Bosch in eine generative, fast schwerelose Abstraktion, die dem Markt das gibt, was er sucht — Bezug auf den Kanon ohne Pastiche. Auf der Gegenseite stehen die Position des dokumentarisch-quasialltäglichen Bildes (Caroline Walker) und die expressive, sozial codierte Figur (Salman Toor, der im Oktober 2026 am Courtauld in London zeigt). Was alle drei verbindet: keine Behauptung von Neutralität.

Out ist die makellose Hyperrealismus-Pose und die NFT-affine Bildlogik. Out ist auch die schnelle, instagrammable Kompositionsformel, die zwischen 2020 und 2023 den Primärmarkt regiert hat. Was kommt: Bilder, die widerstehen, die zähflüssig gelesen werden müssen, die in Reproduktion verlieren — Voraussetzungen, die der Schritt zurück in die physische Galerie wieder belohnen.

Zeitgeist-Essay

Die Rückkehr der Hand — und warum sie diesmal hält

Wer in den vergangenen Wochen durch die programmatischen Eröffnungsräume in Mitteleuropa und an der Themse gegangen ist, sieht ein Muster, das vor zwei Jahren noch wie eine kuratorische Marotte ausgesehen hätte: Malerei, die ihre Entstehung sichtbar trägt. Pinselzüge, die nicht in Kohärenz aufgehen. Untergründe, die ihre Schicht-Logik nicht verbergen. Es geht nicht um Expressivität als Pose — die hatten wir auch in der hyperglatten Phase als Markenzeichen einzelner Galeriestars. Es geht um etwas anderes: um Malerei als Indiz für die Anwesenheit eines Körpers, der nicht durch ein Modell ersetzbar ist.

Die Verschiebung ist auch ökonomisch lesbar. Die Mai-Auktionen versammeln, was die Häuser trophy lots nennen: Werke, deren Wert nicht aus Knappheit innerhalb eines Künstler-Œuvres entsteht, sondern aus historischer Singularität. Newhouses Pollock und Brâncuși, Mnuchins Rothko, Basquiats Museum Security — alles Bilder, die als Originalereignis funktionieren. Der Markt sucht in einem Moment des Misstrauens gegenüber bildlicher Authentizität die Werke, deren Authentizität nicht reproduzierbar ist. Das ist die ökonomische Spiegelung dessen, was im Atelier passiert.

Die institutionelle Bewegung folgt derselben Logik. Dass Issy Wood ihre erste große nordeuropäische Soloschau am 9. Mai im Kistefos Museum eröffnet — in einem Programm, das sich explizit dem resurgent role of painting widmet —, ist symptomatisch. Dass die Weserburg in Bremen am 2. Mai die erste museale Soloschau von Anys Reimann eröffnet hat, einer Position zwischen Collage, Skulptur und Geruch, ist es ebenso. Wo die digitalen Werkzeuge alles Sichtbare in beliebige Variation auflösen können, gewinnt das einmalige, schwer verschickbare, körperhafte Werk an Boden zurück.

Der nächste Effekt zeigt sich auf der Stilebene. Das Rokoko, das nach 2021 im Schatten von Yukhnovich populär wurde, war in seiner ersten Welle ein dekoratives Versprechen. Was jetzt kommt, ist eine zweite Welle, die das historische Material kritischer behandelt — Yukhnovichs Egg-Serie, die Mythen von Geburt und Verwandlung mit der gemalten Materie selbst kreuzt, ist ein Beispiel. Dasselbe Phänomen lässt sich auf der figurativen Seite beobachten: Caroline Walkers kommende Stratford-Arbeit für Art on the Underground handelt von der unsichtbaren Nachtarbeit der Frauen im Londoner U-Bahn-Netz. Die Genrelogik des sozialen Realismus wird damit nicht reanimiert, sondern aktualisiert — nicht als Stil, sondern als Gegenstand.

Was bedeutet das für die nächsten zwölf bis achtzehn Monate? Drei Annahmen lassen sich plausibel formulieren. Erstens: Die Sekundärmarktpreise für die top-tier abstrakten Maler:innen der 1990er und 2000er werden weiter steigen, weil ihre Werke als historische Voraussetzung des aktuellen Programms gelesen werden. Zweitens: Galerien werden ihre Programme verstärkt um Künstler:innen kuratieren, die auch handwerklich-historisch lesbar sind — Untermalung, klassische Mediumsführung, Bezug auf Renaissance- und Barockverfahren. Drittens: Der Anteil von Werken, die in Reproduktion verlieren, wird in Galerieprogrammen zunehmen. Was nicht abfotografierbar ist, wird wertvoller. Das ist keine Romantik, sondern Marktlogik unter den Bedingungen einer Bildflut, die kein Vertrauen mehr trägt.

Flora Yukhnovich

geb. 1990, Norwich · London · Hauser & Wirth / Victoria Miro

Flora Yukhnovich gehört zu den Malerinnen, die das Verhältnis zwischen Abstraktion und historischer Bildtradition derzeit am produktivsten verhandeln. Ihre großformatigen Ölbilder beziehen sich offen auf das französische Rokoko (Boucher, Fragonard), das italienische Barock und die niederländische Stillleben-Tradition des 17. Jahrhunderts, lösen die figurativen Anker dieser Bezüge aber in eine fast schwerelose, gestische Malweise auf. Was bleibt, ist Atmosphäre — pudrige Rosa- und Pfirsichtöne, Cremes und Goldreflexe — verteilt in einem fluiden Layout, das näher am abstrakten Expressionismus liegt als am kunsthistorischen Zitat. Die Entscheidung, Material aus einer Epoche zu beziehen, die als ornamental und politisch belastet gilt, ist konsequent: Yukhnovich behandelt das Rokoko nicht als Ideologie, sondern als Pigmentkultur.

Diplom und Postgraduate in Portrait am Heatherley School of Fine Art (2010–13), MA Fine Art am City & Guilds of London Art School (2016–17). Vertretung durch Victoria Miro seit 2020 und Hauser & Wirth seit 2023. 2021 sorgte das Bild I'll Have What She's Having für Aufmerksamkeit, als es bei einer Auktion 2,3 Millionen Pfund erzielte. Werke in den Sammlungen des Brooklyn Museum, des Dallas Museum of Art, der Government Art Collection London, des Hirshhorn Museum, des Montreal Museum of Fine Arts und der National Gallery of Victoria. Aktuell läuft die Soloschau Egg bei Victoria Miro Venezia (5. Mai bis 4. Juli 2026) — eine während ihrer Schwangerschaft entwickelte Werkgruppe, die Mythen über fantastische Empfängnis und Geburt mit der Materialität gemalter Bilder kreuzt.

TOP-GALERIE

Issy Wood

geb. 1993, Durham (NC) · London · Michael Werner / Carlos Ishikawa

Issy Woods Werk operiert über die Verbindung klassisch nordeuropäischer Malweise mit einem zeitgenössischen Vokabular der Konsumkultur. Ihre Bilder zeigen Zähne und Mundinnenräume, Velourssessel, vintage Schmuck, Handschuhe, Stoffmuster — Fragmente, die aus Werbeästhetik, Familien-Erbe und Modemagazinen entlehnt sind und auf Leinwand wie unter einem dunklen Firnis stehen. Die Malweise ist bewusst altmeisterlich: gedämpfte Erdtöne, schichtweise Lasuren, ein Licht, das keine Sonne kennt. Das Ergebnis sind sardonisch-melancholische Stillleben einer Generation, die mit Erbstücken aufgewachsen ist und sie zugleich nicht mehr lesen kann. Wood arbeitet außerdem als Schreibende und Musikerin (auf Mark Ronsons Label Zelig Records); ihre Bilder funktionieren wie Songs ohne Text — über Anspielung statt Aussage.

Geboren 1993 in Durham, North Carolina, aufgewachsen in Großbritannien. BA Goldsmiths London (2015), MA Royal Academy Schools London (2018). Vertretung durch Carlos/Ishikawa London und Michael Werner Gallery (New York, London, Beverly Hills). Vom 9. Mai bis 11. Oktober 2026 zeigt das Kistefos Museum bei Oslo in der Nybruket Gallery die Soloschau Fish, Fish, Duck — Woods erste museale Großschau in Skandinavien. Das Programm ist Teil einer Saison, die Kistefos explizit der wiedererstarkten Rolle der Malerei in der Gegenwartskunst widmet.

INSTITUTION

Oscar Murillo

geb. 1986, La Paila (Kolumbien) · La Paila / London · David Zwirner

Oscar Murillos Praxis ist eine der beweglichsten der Gegenwart. Sie umfasst gestische, oft mehrlagig genähte Großformate, Übermalungen auf gefundenen Stoffen, Skulpturen aus Industriematerial, Performances, kollektive Mal-Aktionen und Langzeit-Projekte mit Kindern und Schulklassen. Die Bilder selbst sind häufig auf den Boden gelegt, getreten, mit Gummibändern fixiert und von einem kontinuierlichen Bewegungsprozess gezeichnet — Murillo nennt das Resultat Disrupted Frequencies. Inhaltlich verhandelt das Werk die Erfahrung postkolonialer Migration zwischen Kolumbien und Europa, ohne sich als Identitätsmalerei zu verkaufen. Stattdessen interessiert ihn der materielle Umlauf — wie Bilder, Stoffe, Sprache und Kapital sich global verteilen.

Geboren 1986 in La Paila, Kolumbien; lebt und arbeitet in La Paila und in mehreren weiteren Standorten. Vertretung durch David Zwirner seit 2013, Debüt-Solo A Mercantile Novel bei Zwirner New York 2014. 2019 Co-Gewinner des Turner Prize, gemeinsam mit Tai Shani, Helen Cammock und Lawrence Abu Hamdan, nachdem die vier Nominierten den Preis als Kollektiv angenommen hatten. Aktuell läuft die in Kooperation kuratierte Ausstellung Collective Osmosis: Murillos Arbeiten im Dialog mit Werken Claude Monets, parallel im Museum Barberini und im Kunsthaus DAS MINSK in Potsdam (14. März bis 9. August 2026). Eine Position, an der die Frage nach dem Verhältnis von Geste, Geschichte und Globalisierung sichtbar verhandelt wird.

INSTITUTION

Caroline Walker

geb. 1982, Dunfermline · Fife · Stephen Friedman / Grimm / Ingleby

Caroline Walker arbeitet seit über einem Jahrzehnt an einem konsequent sozial zugewandten figurativen Werk. Ihre großformatigen Ölbilder zeigen Frauen bei Arbeiten, die in der dominanten Bildtradition selten sichtbar sind: Reinigungskräfte, Köchinnen, Hotelangestellte, Mütter im häuslichen Alltag, Migrantinnen in Übergangswohnungen. Die malerische Anlage ist klassisch — voyeuristisch komponierte Innenräume, präzise Lichtführung, ein dem 19. Jahrhundert entlehntes Verständnis von Genrebild — aber der Gegenstand verschiebt das Genre: nicht das idealisierte Häusliche, sondern die Arbeit, die häuslichen Komfort produziert. Walker malt nach eigenen Fotografien, oft entstanden bei längeren Recherche-Aufenthalten an den jeweiligen Orten.

Geboren 1982 in Dunfermline (Schottland), BA Glasgow School of Art (2004), MA Painting Royal College of Art London (2009). 2024 Wahl in die Royal Scottish Academy. Galerienseitig vertreten durch Stephen Friedman (London), Grimm (Amsterdam, New York) und Ingleby (Edinburgh). Bis 26. April 2026 lief die museale Solo Mothering am Pallant House Gallery in Chichester, eine Werkschau zur Mutterschaft und frühkindlichen Sorgearbeit. Im September 2026 folgt eine groß angelegte Auftragsarbeit für Art on the Underground im Bahnhof Stratford in London: Walker hat dafür Frauen begleitet, die im Nachtdienst Jubilee-Line-Züge reinigen und betreiben — ein Werk, das die unsichtbare Infrastruktur der Stadt sichtbar macht.

INSTITUTION

Anna Park

geb. 1996, Daegu (Südkorea) · New York · Lehmann Maupin / BLUM

Anna Park hat in fünf Jahren das geschafft, wofür viele eine Karriere brauchen: ein eigenständiges Vokabular in einem konventionell unterschätzten Medium. Ihre großformatigen Kohlearbeiten — manche überschreiten zwei Meter, mit Tusche und Erasure-Technik in dichten Schichten gearbeitet — bewegen sich zwischen abstrakter Geste und figurativem Splitter: Hochzeitskuchen, Stars mit weißen Zähnen vor Reporterblitzen, schwarz-weiße Fragmente amerikanischer Pop-Mythologie, gebrochen in Streifen, Stars, Wirbel. Die formale Präzision der Linie steht gegen das Chaos des Sujets, wie eine Disziplin, die das Unkontrollierbare festhält. Park nutzt Schwarz-Weiß als Verzicht — auf Farbe, auf Verführung, auf das schnelle Bild — und bekommt dafür eine Ernsthaftigkeit, die der gegenwärtigen Kohlerenaissance ihre Begründung gibt.

Geboren 1996 in Daegu, Südkorea; mit der Familie früh nach Neuseeland und dann in die USA — Redondo Beach, später Salt Lake City. BA Pratt Institute Brooklyn (2017), MFA New York Academy of Art (2020). Erste Soloschau 2021 bei Half Gallery New York — sofort ausverkauft, vier Werke gingen direkt an Museen. Solo-Stationen: Half Gallery Pluck Me Tender (2021), Blum & Poe Tokio Hello, Stranger (2021), Blum & Poe Los Angeles Mirror Shy (2022), SCAD Museum of Art Savannah Last Call (2022), Art Gallery of Western Australia Perth Look, look. (2024). Im März 2025 Aufnahme bei Lehmann Maupin als jüngste Künstlerin im Programm der Galerie. Aktuell läuft das UK-Solodebüt Hot Honey bei Lehmann Maupin London, 30. April bis 30. Mai 2026.

EMERGING

Atelier Studie

Imprimatura — die getönte Grundierung

Die Imprimatura ist die älteste Antwort der Ölmalerei auf eine grundsätzliche Frage: Was steht zwischen der weißen Leinwand und dem ersten Pinselstrich? Sie ist eine dünne, transparente Tönungs­schicht, üblicherweise in einer warmen Erdfarbe (gebrannte Umbra, gebrannte Siena, Ocker oder schwach pigmentiertes Schwarz mit etwas Rot), die nach dem Grundieren auf den gesamten Bildträger aufgetragen wird. Sie liefert eine homogene Farbtemperatur, schluckt das brutale Weiß der Grundierung und gibt der nachfolgenden Malerei einen tonalen Anker, gegen den Lichter und Tiefen sofort lesbar werden.

Tizian, Caravaggio und Rembrandt arbeiteten regelmäßig auf einer Imprimatura — meist erdig-warm, manchmal in einem stumpfen Grau. Die Methode wurde unverzichtbar, sobald in der Renaissance der dunkle Bildgrund die Hell-Dunkel-Wirkung trug. Im 20. Jahrhundert hat sie ihre Vormachtstellung verloren, weil viele Strömungen den Eigenwert des weißen Untergrunds suchten — heute kehrt sie in Programmen wieder zurück, in denen klassische Mediumsführung erneut sichtbar werden soll. Bei zeitgenössischen Maler:innen, die das historische Vokabular ernst nehmen — Issy Wood ist ein lehrbuchhaftes Beispiel —, ist die Imprimatura die Voraussetzung für jenes Licht, das nicht aus Pigment kommt, sondern aus der Schicht.

Material: grundierter Bildträger (Öl- oder Acrylgrund), gebrannte Umbra oder gebrannte Siena (alternativ Bistre, Asphaltum, schwarz mit Englischrot abgestimmt), Verdünner (Terpentin oder geruchsarmer Mineral­spirit), Leinöl in geringer Menge, breite weiche Borste oder Hirschhaar­quaste, fusselfreies Tuch.

Schritte:

1. Pigment ansetzen. Die gewählte Erdfarbe in einer kleinen Mulde anrühren. Pigmentmenge minimal halten — der Auftrag soll transparent bleiben. Mit Terpentin auf eine fast wässrige Konsistenz verdünnen. Wer ölhaltiger arbeiten will, gibt einen Tropfen Leinöl dazu; das verzögert die Trocknung und macht die Schicht etwas tiefer.

2. Auftragen. Mit der breiten Borste die Mischung großflächig und kreisförmig auf die Leinwand auftragen — nicht streichend in eine Richtung, sondern aus dem Handgelenk in geschlossenen Bewegungen. Es entsteht eine durchscheinende Wolke, kein deckender Anstrich.

3. Egalisieren. Mit dem fusselfreien Tuch nach wenigen Minuten leicht über die Fläche wischen. Das gleicht Unregelmäßigkeiten aus und entfernt Lasur­überschuss. Ziel: eine homogene, atmende Tonschicht, durch die die Grundierung als Wärme spürbar bleibt.

4. Trocknen lassen. Je nach Mischung 12 bis 48 Stunden stehen lassen. Die Schicht muss vollständig durchgetrocknet sein, bevor die nächste Lage aufgetragen wird, sonst verschmiert sie unter dem nachfolgenden Pinselstrich.

5. Optional: Vorzeichnung. Auf die getrocknete Imprimatura kann nun mit Holzkohle, Bistre oder verdünnter Ölfarbe die Komposition skizziert werden. Die warme Tönung trägt jede dunkle Linie sofort als Linie und nicht als Fleck.

Erwartetes Ergebnis: Eine Bildtafel, deren Tiefe schon vor dem ersten farbigen Pinselstrich beginnt. Die nachfolgende Malerei gewinnt sofort an tonaler Kohärenz; Lichter werden physikalisch heller, weil sie aus der gedämpften Atmosphäre heraus aufgesetzt werden — die Maxime fett auf mager ist in dieser Schicht-Logik bereits angelegt. Wer großformatig und expressiv arbeitet, gewinnt durch die Imprimatura zusätzlich eine technische Stabilität: gestische Lasuren brennen nicht durch, weil der Untergrund seine eigene Farbtemperatur bereits gesetzt hat.

Bremen

Weserburg Museum für moderne Kunst

Anys Reimann — Mirrorball

2. Mai – 4. Oktober 2026

Soeben eröffnete erste museale Einzelausstellung der 1965 in Düsseldorf geborenen Künstlerin. Reimann arbeitet zwischen Malerei, Collage, Skulptur und Installation am Spannungsfeld von Identität, Körper und kultureller Repräsentation und ist vor allem für ihre Bildnisse Schwarzer Frauen bekannt. Mirrorball zeigt großformatige Collage-Gemälde, rätselhafte Lederplastiken, Spiegelobjekte und Körperabgüsse mit geballten Fäusten. Eigens für die Ausstellung entstand ein begehbarer schwarzer Garten — eine Insellandschaft mit ausschließlich schwarz blühenden Pflanzen, ergänzt um ortsspezifische Düfte und Geruchsskulpturen.

Oldenburg

Horst-Janssen-Museum

Christoph Niemann — Randnotizen

15. November 2025 – 26. Juli 2026

Jubiläumsausstellung des Horst-Janssen-Museums zum 25. Geburtstag — gewidmet dem 1970 in Waiblingen geborenen, in Berlin lebenden Illustrator und Grafiker Christoph Niemann. Auf zwei Etagen und 700 Quadratmetern Werkschau zeigt das Museum die Sunday Sketches, die Photo Drawings, eine sieben Meter hohe Atelier-Installation, Cover-Arbeiten für The New Yorker, Linol- und Siebdrucke aus der ZOO-Serie und farbintensive Tuschzeichnungen. Eine 50 Meter lange Wandarbeit mit dem Titel Current Lines ziert seit 2023 die Außenfassade des Museums.

Bremen

Kunsthalle Bremen

Remix. Photographie — Fiktion und Wahrheit

25. Februar 2026 – Frühjahr 2027

Vier neu kuratierte Räume innerhalb der Sammlungspräsentation der Kunsthalle Bremen, die das überkommene Verständnis der Fotografie als objektive Dokumentation der Wirklichkeit befragen. Ungefähr 75 historische und zeitgenössische Werke aus dem eigenen Bestand, der Sammlung Ültzen und Leihgaben aus der Sammlung Lothar Schirmer — unter anderem Bernd und Hilla Becher, Candida Höfer, Richard Mosse, Sebastian Riemer, Ricarda Roggan, Thomas Ruff, August Sander, Taryn Simon, Thomas Struth und Heinrich Zille. Die Ausstellung adressiert die Glaubwürdigkeit der Fotografie in Zeiten KI-generierter Bilder und der digitalen Bilderflut.