Atelier Studie · No. 10 · Mai 2026
Die Imprimatura ist die älteste Antwort der Ölmalerei auf eine grundsätzliche Frage: Was steht zwischen der weißen Leinwand und dem ersten Pinselstrich? Sie ist eine dünne, transparente Tönungsschicht, üblicherweise in einer warmen Erdfarbe (gebrannte Umbra, gebrannte Siena, Ocker oder schwach pigmentiertes Schwarz mit etwas Rot), die nach dem Grundieren auf den gesamten Bildträger aufgetragen wird. Sie liefert eine homogene Farbtemperatur, schluckt das brutale Weiß der Grundierung und gibt der nachfolgenden Malerei einen tonalen Anker, gegen den Lichter und Tiefen sofort lesbar werden.
Tizian, Caravaggio und Rembrandt arbeiteten regelmäßig auf einer Imprimatura — meist erdig-warm, manchmal in einem stumpfen Grau. Die Methode wurde unverzichtbar, sobald in der Renaissance der dunkle Bildgrund die Hell-Dunkel-Wirkung trug. Im 20. Jahrhundert hat sie ihre Vormachtstellung verloren, weil viele Strömungen den Eigenwert des weißen Untergrunds suchten — heute kehrt sie in Programmen wieder zurück, in denen klassische Mediumsführung erneut sichtbar werden soll. Bei zeitgenössischen Maler:innen, die das historische Vokabular ernst nehmen — Issy Wood ist ein lehrbuchhaftes Beispiel —, ist die Imprimatura die Voraussetzung für jenes Licht, das nicht aus Pigment kommt, sondern aus der Schicht.
Material: grundierter Bildträger (Öl- oder Acrylgrund), gebrannte Umbra oder gebrannte Siena (alternativ Bistre, Asphaltum, schwarz mit Englischrot abgestimmt), Verdünner (Terpentin oder geruchsarmer Mineralspirit), Leinöl in geringer Menge, breite weiche Borste oder Hirschhaarquaste, fusselfreies Tuch.
Schritte:
1. Pigment ansetzen. Die gewählte Erdfarbe in einer kleinen Mulde anrühren. Pigmentmenge minimal halten — der Auftrag soll transparent bleiben. Mit Terpentin auf eine fast wässrige Konsistenz verdünnen. Wer ölhaltiger arbeiten will, gibt einen Tropfen Leinöl dazu; das verzögert die Trocknung und macht die Schicht etwas tiefer.
2. Auftragen. Mit der breiten Borste die Mischung großflächig und kreisförmig auf die Leinwand auftragen — nicht streichend in eine Richtung, sondern aus dem Handgelenk in geschlossenen Bewegungen. Es entsteht eine durchscheinende Wolke, kein deckender Anstrich.
3. Egalisieren. Mit dem fusselfreien Tuch nach wenigen Minuten leicht über die Fläche wischen. Das gleicht Unregelmäßigkeiten aus und entfernt Lasurüberschuss. Ziel: eine homogene, atmende Tonschicht, durch die die Grundierung als Wärme spürbar bleibt.
4. Trocknen lassen. Je nach Mischung 12 bis 48 Stunden stehen lassen. Die Schicht muss vollständig durchgetrocknet sein, bevor die nächste Lage aufgetragen wird, sonst verschmiert sie unter dem nachfolgenden Pinselstrich.
5. Optional: Vorzeichnung. Auf die getrocknete Imprimatura kann nun mit Holzkohle, Bistre oder verdünnter Ölfarbe die Komposition skizziert werden. Die warme Tönung trägt jede dunkle Linie sofort als Linie und nicht als Fleck.
Erwartetes Ergebnis: Eine Bildtafel, deren Tiefe schon vor dem ersten farbigen Pinselstrich beginnt. Die nachfolgende Malerei gewinnt sofort an tonaler Kohärenz; Lichter werden physikalisch heller, weil sie aus der gedämpften Atmosphäre heraus aufgesetzt werden — die Maxime fett auf mager ist in dieser Schicht-Logik bereits angelegt. Wer großformatig und expressiv arbeitet, gewinnt durch die Imprimatura zusätzlich eine technische Stabilität: gestische Lasuren brennen nicht durch, weil der Untergrund seine eigene Farbtemperatur bereits gesetzt hat.