Vier Bestandsaufnahmen: Markt & Preise, Names to Watch, Stil & Material — und der Zeitgeist-Essay.
Der globale Kunstmarkt hat sich in 2025 leise erholt: USD 59,6 Milliarden Gesamtumsatz — ein Plus von vier Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie der Art Basel/UBS Global Art Market Report 2026 belegt. Die Erholung ist moderat, der Marktpeak von 2022 bleibt unerreicht. Und doch: Die Stimmung kippt gerade spürbar ins Positive.
Das Ereignis der Saison spielte sich bereits im November 2025 ab, als Sotheby's sein renoviertes Breuer-Gebäude in New York einweihte. Das Eröffnungs-Highlight: Gustav Klimts Portrait of Elisabeth Lederer (1914–16) erzielte USD 236,4 Millionen — der höchste je für ein Werk moderner Kunst erzielte Auktionspreis und das zweitteuerste Kunstwerk der Auktionsgeschichte überhaupt. In einer einzigen Abendveranstaltung erreichte Sotheby's einen Gesamtumsatz von USD 1,17 Milliarden — der höchste Serienwert seit 2021.
Hongkong bewies im März 2026, dass die asiatischen Märkte nicht bloß mitschwingen, sondern eigene Akzente setzen. Christie's und Sotheby's meldeten beide White-Glove-Verkäufe. Der Gesamterlös übertraf USD 164,9 Millionen (+18% ggü. 2025). Vier neue Künstlerrekorde in einer einzigen Sitzung: Lenz Geerk (Couple on a Fresco, 2019, HKD 2,1 Mio.), Atsushi Kaga sowie die Alten Walter Spies und Johannes Goedaert.
Strukturell dominiert Malerei weiterhin: 59% des Händlerumsatzes, 67% der vermögenden Sammler kauften Gemälde. Online-Verkäufe sanken auf USD 9,2 Milliarden — tiefstes Niveau seit 2019. Käufer wollen wieder in den Raum, in die Nähe zum Werk, den Handabdruck auf dem Rahmen spüren.
Neo-Rokoko-Abstraktion als ernstes Programm. Watteau und Fragonard durch den Filter des 21. Jahrhunderts: pastose Geste, leuchtende Palette, formale Kontrolle unter dem Schein der Leichtigkeit. Auktionsrekorde 2023–25.
Körper, die sich in Flächen auflösen — Figuration und Abstraktion als zwei Namen für dasselbe Phänomen. Identität ist bei Quarles nie eindeutig, immer im Werden.
Malt, collagiert, näht. Schwarze Frauenkörper — monumental, vergnügt, politisch — aus Stoff, Farbe und Papier gebaut. Körper als Konstrukt, als Behauptung, als Feier. Ihres ist eine der aufregendsten Handschriften der Gegenwart.
Sammlungen u.a. Tate, ICA Miami, Albertina Wien. Abstrakte Malerei als emotionale Partitur — Farbe, Linie, Tempo. Was Cy Twombly mit klassischer Bildung macht, macht Fadojutimi aus roher Gegenwart.
Malerei als Befragung ihrer eigenen Bedingungen. Augen auf Leinwand, Raum als Bild des Raumes — Euler denkt Konzeptkunst und Malerei nicht als Gegensatz.
Die aktuelle Saison ist eine Saison des Widerstands. Gegen die Glätte. Gegen die digitale Simulation von Pinselstrichen. Gegen das, was auf Instagram-Größe optimiert ist und in Wirklichkeit nicht existiert.
Das beherrschende Prinzip ist, was man im angelsächsischen Diskurs zunehmend Chaoticism nennt: nicht Unordnung als Formlosigkeit, sondern Energie als Formsprache. Ausufernde Pinselspuren, Kratzer, rauer Auftrag — Impasto nicht als Manierismus, sondern als Bekenntnis zum Handwerk.
Materialien im Aufschwung: Rohleinen ungrundiert — das Gewebe ist sichtbar, die Spannung zwischen Farbe und Träger produktiv. Ölstick und Ölkreide in Kombination mit Ölfarbe erlauben die direkte Geste. Schellack als Finish erzeugt Tiefe und Leuchtkraft. Kaolin und andere Erden als Texturzusätze erlauben die Aufhärtung von Farbschichten zu fast skulpturalen Reliefs.
Farbpaletten: Die Saison gehört dem Grau. Payne's Grey — die Farbe des archivierten Bildes, der Fotokopie, des Vergessens — dominiert bei Andreani und Sami. Daneben Erdtöne (Umbra, Ocker, Rost). Und der Gegenakkord: Juwelfarben — Smaragd, Tiefblau, Magenta — als neo-romantisches Signal. Was out ist: hyperkontrollierte Minimalismusflächen ohne Spur und jede Malerei, die primär für den Feed gemacht wurde.
Es ist kein Zufall, dass Giulia Andreani ihre Berliner Einzelausstellung Sabotage nennt.
Sabotage — nicht Zerstörung, sondern gezielte Unterbrechung. Die Malerei von heute ist mehrheitlich damit beschäftigt, Risse in Oberflächen zu legen, die zu reibungslos wären.
Der Riss hat viele Formen. Bei Andreani ist er historisch — sie malt die Archivfotografie so, dass das Übersehene sichtbar wird. Bei Mohammed Sami ist der Riss unsichtbar und doch allgegenwärtig: kein Blut, kein Gewehr, nur das stille Zimmer nach dem Geschehen. Bei Kamrooz Aram verläuft der Riss zwischen Kulturen — ein Riss, den er nicht schließt, sondern besiedelt.
Diese drei Positionen markieren etwas Wesentliches über den kulturellen Moment: Die Malerei wird wieder politisch, ohne propagandistisch zu sein. Sie macht den Zusammenhang zwischen privater Erfahrung und kollektiver Geschichte sichtbar.
Was die nächsten 12 bis 18 Monate bringen werden: eine weitere Ausdifferenzierung dieses Feldes. Der Neo-Expressionismus wird präziser — weniger wild um seiner selbst willen, mehr kontrollierte Energie mit Richtung. Das Impasto wird dicker, aber nicht willkürlicher. Die Geschichte — die jüngste, die postkoloniale, die persönliche — wird nicht aufhören, sich in die Leinwand einzuschreiben.
Der Riss als Methode. Das ist der Zeitgeist April 2026.
Institution, Top-Galerie, Emerging — ein Mix aus etablierten Namen und neuen Entdeckungen. Alle mit direktem Bezug zur eigenen Malerei.
Wer in den kommenden Monaten nach Berlin kommt, sollte Zeit einplanen für eine Begegnung der eigentümlichen Art: nicht mit Bildern, die einen anbrüllen, sondern mit Bildern, die schweigen und dabei mehr sagen als jedes Manifest. Sabotage am Hamburger Bahnhof (27. Februar bis 13. September 2026) — das mutigste Ausstellungsereignis der deutschen Saison.
Andreanis Medium ist das Archivfoto. Was dort unbemerkt geschlummert hat, zieht sie heraus und malt es in einem einzigen Ton: Payne's Grey — dem Farbton der Fotoreproduktion, des Verblassens, des archivierten Gedächtnisses.
Sammlungen: Centre Pompidou, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, MASI Lugano, MASP São Paulo.
Hurvin Anderson ist einer der wichtigsten lebenden britischen Maler. Seine erste große Retrospektive an der Tate Britain (26. März bis 23. August 2026) — rund 80 Werke aus drei Jahrzehnten.
Was er malt, klingt zunächst unspektakulär: Schwimmbäder, Barbershops, karibische Landschaften. Anderson überschreibt die eine Geografie mit der anderen — die Tropen dringen ins englische Zimmer. Die Barbershop-Serie (2006–2023, 18 Jahre lang) ist sein konzentriertestes Werk: Afrosheen (2009) zeigt eine Ablage mit Haarprodukten — niemanden im Bild. Die Abwesenheit spricht.
Für die eigene Praxis relevant: Anderson zeigt, wie Figuration und Abstraktion keine Gegner sein müssen — beide Tendenzen wirken gleichzeitig, ohne dass eine geopfert wird.
Wenn ein Stuhl zu viel sagen kann, wenn ein Vorhang in einem leeren Zimmer eine Katastrophe beschreibt, die nie zu sehen sein wird — dann malt Mohammed Sami. Luhring Augustine (NY/LA), Turner-Prize-Shortlist 2025, MoMA-Ankauf.
Samis Malerei ist eine Malerei der Leerstelle. Keine Körper, keine Gesichter, keine expliziten Verweise auf das Traumatische. One Thousand and One Nights (2022) zeigt den Bagdader Nachthimmel — prächtig und bedrohlich zugleich. The Execution Room (2022) hängt im MoMA: ein Raum, nichts weiter, alles weiter.
Die Verbindung zur eigenen Arbeit: Inhalt durch Form, nicht durch Abbildung — das ist die Schule von Baselitz, angewandt auf das Bagdad des 21. Jahrhunderts.
Kamrooz Aram ist einer der wenigen Maler, die das Zusammentreffen zweier Kunsttraditionen nicht als Problem, sondern als Methode verstehen. Im Spannungsfeld zwischen der persisch-islamischen Ornamentik seiner Herkunft und der westlichen Abstraktion des 20. Jahrhunderts.
Die 82. Whitney Biennial (ab März 2026) — Aram ist dabei. Arabesque Composition (Archipelago) (2025): Arabesken, die sich auflösen in Geste — Muster, das ins Bild kippt. Was Basquiat mit Graffiti-Schrift macht, macht Aram mit dem interkulturellen Ornament. Nicht weniger radikal.
Lenz Geerk malt das, was man träumt, bevor man einschläft — oder nicht einschlafen kann. Im März 2026 setzte Christie's Hongkong den öffentlichen Beweis: Couple on a Fresco (2019) erzielte HKD 2,1 Millionen — neuer Künstlerrekord.
Was Geerk malt, ist auf den ersten Blick introvertiert: Figuren in gedämpften Monochromen, fast schlafend, fast außer Zeit. Woman Holding the Night Sky II (2024): eine Figur, die das Dunkel hält, als wäre es ein Kind. Was Jonathan Meese mit expressiver Gewalt macht, macht Geerk mit expressiver Stille. Beide verweigern die Beruhigung.
Angeregt durch die Saison-Dominanz von Payne's Grey bei Giulia Andreani und Mohammed Sami. Eine professionelle Technik für atmosphärische Tiefe ohne Farbkompromisse.
Payne's Grey ist kein neutrales Grau — es ist ein kühles, leicht bläulich-violettes Mischweiß, das im Licht changiert. In Verbindung mit Zinkweiß (halbtransparent, milchig) entsteht eine Palette von ungewöhnlicher atmosphärischer Dichte.
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