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← Archiv No. 02 · April 2026 Was die Kunst weiß. Archiv

Markt & Preise

Rückkehr der Substanz

In einer Kunstwelt, die lange von Erwartungen lebte, sprechen die Auktionssäle im Frühjahr 2026 eine andere Sprache: die der verifizierten Qualität. Drei Wochen trennten zwei Versteigerungsserien, die den Ton für die kommenden Saisons setzen werden.

Am 4. März erzielte Sotheby's London in einem Modern and Contemporary Evening Sale von 54 Losen insgesamt £131 Millionen mit Aufgeld — ein White-Glove-Ergebnis, bei dem kein einziges Los unverkauft blieb. Das Toplos, Francis Bacons Self-Portrait von 1972, das der Künstler einst seinem Arzt geschenkt hatte, löste gegen eine Schätzung von £8 bis 12 Millionen Bieterkämpfe aus und wurde für £16 Millionen mit Aufgeld zugeschlagen. Das zweitstärkste Signal kam von Leon Kossoff: sein Gemälde Children's Swimming Pool, Autumn Afternoon (1971) erzielte £5,2 Millionen mit Aufgeld — mehr als das Dreifache des vorherigen Auktionsrekords von £1,4 Millionen. Zehn Bieter trieben den Preis in fünf Minuten in unbekannte Höhen.

Die Aussagekraft dieser Ergebnisse liegt weniger in den Summen als in ihrer Richtung: Beide Künstler arbeiten mit einer Malerei, die sich dem dekorativen Gebrauch entzieht. Bacon und Kossoff stehen für eine körperliche, kompromisslose Unmittelbarkeit — und der Markt honoriert das.

Den Kontrapunkt setzte Hongkong. Am 29. März ersteigerte ein Online-Bieter Joan Mitchells La Grande Vallée VII (1983) bei Sotheby's für HK$137,4 Millionen — umgerechnet US$17,6 Millionen. Das ist der neue Rekord für eine Arbeit einer Frau an einer asiatischen Auktion. Die Gesamtsaison aller drei Häuser in Hongkong summierte sich auf US$160 Millionen — Christie's erzielte +17 Prozent gegenüber Vorjahr, Sotheby's +84,3 Prozent. Gerhard Richters Abstraktes Bild (1991) war mit US$11,8 Millionen das stärkste Los bei Christie's. Am Art Basel Hong Kong verkaufte Hauser & Wirth George Condos Prismatic Head (2021) für US$2,3 Millionen; David Zwirner platzierte eine neue Arbeit von Mamma Andersson für US$400.000 und ein neues Gemälde von Lucas Arruda für US$250.000.

Was bedeutet das? Der Markt differenziert mit wachsender Präzision zwischen Werk und Geste — zwischen dem, was ein Gemälde zu sagen hat, und dem, was es behauptet.

Im Kommen · Names to Watch

Drei Namen, die es zu verfolgen gilt

London · Thaddaeus Ropac

Sie schreibt Geschichte, aber so, wie es eine Malerin tut: in Farbe und Drang. Die 1991 in London geborene Britin, vertreten von Thaddaeus Ropac, ist mit ihrer Einzelausstellung Gated Canyons an der Dulwich Picture Gallery (2025) und der Courtauld Commission (2025) in den institutionellen Kanon vorgestoßen. Ihre ausgreifenden Leinwände aus Oil Stick und Ölfarbe — explosiv, zahnförmig, körperhaft — haben eine Sofortigkeit, die viele aktuelle Malerei vermissen lässt. Was Jones vom Trend der expressiven Figuration unterscheidet: Sie insistiert auf dem Innenleben. Ihre Formen sind nicht Oberfläche, sie sind Innenraum.

Los Angeles · Anat Ebgi

Die Los-Angeles-basierte Malerin debütierte 2026 mit ihrer ersten Einzelausstellung bei Anat Ebgi anlässlich der Frieze Los Angeles. Ihr Ansatz ist unverblümt figurativ: großformatige Leinwände in Impasto und gestischer Abstraktion, die Familienporträts in etwas Viszeral-Erinnerungsähnliches verwandeln. Juweltöne, Textur, Gegenwärtigkeit — Fernandez malt, als wären Bilder der einzige Weg, Erlebnis festzuhalten, bevor es verloren geht.

London · Goldsmiths Centre for Contemporary Art
Eunjo Lee

Die koreanisch-britische Malerin hatte 2025 ein konzentriertes institutionelles Début: zunächst am Goldsmiths Centre for Contemporary Art London im März, dann in der Focus Section der Frieze London im Oktober. Ihr Werk ist leise und insistierend — keine laute Geste, keine dekorative Zumutung. Was Lee interessiert, ist die Frage nach dem Zwischen: zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen Stille und Erwartung. Genau das macht sie zu einer der interessantesten jungen Positionen in Europa.

Stil & Material

Was gerade passiert

In den Ateliers zeichnet sich 2026 ein Paradigmenwechsel ab, der nicht laut, aber unübersehbar ist: Während KI-Bildgeneratoren optische Kompetenz demokratisiert haben, verschiebt sich das Wertgefüge in der Malerei dramatisch hin zu dem, was Maschinen nicht replizieren können — Duktus, Entscheidung, Unvollkommenheit als ästhetische Haltung.

Die Geste gewinnt zurück. Nicht in der Wiederkehr des naiven Action Painting, sondern in einer neuen Bewusstheit über die physische Präsenz der Malerei. Impasto mit dem Spachtel, sichtbare Pinselspuren als inhaltliche Aussage, Schichtenmalerei deren Entstehungsprozess im Bild ablesbar bleibt — all das ist nicht nostalgisch, sondern strategisch. Das Gemälde als Artefakt einer verkörperten Entscheidung, das ist die Antwort auf die algorithmische Ästhetik.

Zweite Tendenz: die Rückkehr der Erdfarben und der gedämpften Palette, kombiniert mit punktuellen Farbausbrüchen. Was lange als "zu still" galt — Ockergelb, Siena, gebranntes Umbra, Weißgrau — erlebt eine Aufwertung. Nathanaëlle Herbelin und Lucas Arruda praktizieren diese chromatische Zurückhaltung auf Höchstniveau: Farbe nicht als Dekor, sondern als Stimmungsträger.

Dritte Strömung: Abstraktion und Figuration als simultaner Modus. Gemälde, die gleichzeitig figurativ und abstrakt lesen lassen — die Grenzen bewusst unscharf halten. Christina Quarles und George Rouy destabilisieren die Körperkontur; Mamma Andersson destabilisiert den Raum. Diese Gleichzeitigkeit ist kein formaler Trick, sondern eine inhaltliche Aussage über eine Wirklichkeit, die sich nicht mehr einheitlich beschreiben lässt.

Auf der Materialseite wächst das Interesse an Öl auf unbehandelter Jute oder Leinen, an Wachs als Trägermaterial, an Aquarell in Großformat — Medien, die Kontrolle verweigern und Zufälle zulassen. Was auffällt: die besten Positionen arbeiten nicht mit einem einzigen Verfahren, sondern mit einem Komplex aus Geste, Material und Verweigerung.

Der Zeitgeist-Essay

Das Gemälde als Widerstandsfläche

Es gibt eine Geschichte, die die Kunstwelt über sich selbst erzählt: die der Ununterbrechbarkeit. Malerei war immer da, wird immer da sein, braucht keine Verteidigung. In dieser Geschichte dient jeder neue Medienhype als Folie, vor der die Malerei umso zeitloser erscheint. Das NFT-Feuer brennt, die Malerei wartet. Die KI-Bildflut steigt, die Malerei steht.

Doch diese Geschichte verdeckt das Entscheidende: Die Malerei hat sich verändert, und zwar präzise in Reaktion auf das, was sie umgibt. Die gegenwärtige Generation von Malern und Malerinnen produziert kein unberührtes Kontinuum der Tradition, sondern eine Praxis, die weiß, dass sie beobachtet wird — und diese Beobachtung zum Material macht.

Was 2026 auffällt, ist eine neue konzeptuelle Selbstbewusstheit, die nicht in den Dienst des Selbstreferenziellen gestellt wird, sondern in den Dienst der Unmittelbarkeit. Christina Quarles malt den Körper in seinen Widersprüchen: queer, gemischt-rassig, instabil, widerständig. George Rouy malt den Körper an seinem Kipppunkt: kollektiv, porös, von der Umgebung durchtränkt. Nathanaëlle Herbelin malt das Interieur als Erinnerungslandschaft: persönlich, still, von Historizität durchwirkt. Was diese Praktiken verbindet, ist nicht Stil, sondern Haltung: das Gemälde als Ort, der etwas zu sagen hat, das sich nicht in Sprache übersetzen lässt.

Gleichzeitig sendet der Markt ein klares Signal. Der dramatische Preissprung bei Leon Kossoff — von £1,4 auf £5,2 Millionen — ist kein Zufall. Kossoff steht für eine Malerei, die keine Konzession macht. Kein Glamour, keine narrativen Vereinfachungen, keine spektakuläre Oberfläche. Die Käufer, die diesen Preis gezahlt haben, wussten: Das ist etwas, das keiner Rechtfertigung bedarf, weil es sich durch seine Existenz rechtfertigt.

Wohin bewegt sich die Malerei in den nächsten 18 Monaten? Die Zeichen deuten auf eine Vertiefung des Gegenwärtigen, nicht auf einen neuen Ismusbruch. Die Frage nach Körper und Raum, nach Abstammung und Gegenwart, nach Kontrolle und Zufall wird nicht abgelöst werden — sie wird differenzierter. Was verschwinden wird, ist die Mittelmäßigkeit im Zeichen des Markterfolgs: Die Schere zwischen ernsthafter Praxis und dekorativer Produktion öffnet sich. Das ist unangenehm für viele. Das ist gut für die Malerei.

Institution · Top-Galerie

Christina Quarles

geb. 1985 in Chicago · lebt in Los Angeles · Hauser & Wirth / Pilar Corrias

In ihrer aktuellen Einzelausstellung The Ground Glows Black (Hauser & Wirth Downtown Los Angeles, 24. Februar – 3. Mai 2026) zeigt Christina Quarles Arbeiten, die aus einem persönlichen Ausnahmezustand entstanden: Im Januar 2025 vernichteten die Waldbrände rund um Los Angeles ihr Zuhause. Die Gemälde dieser Serie, dichter und aufgewühlter als alles Vorangegangene, reagieren nicht auf das Ereignis — sie sind das Ereignis. Farbflächen in kinetischer Bewegung, Körperkonturen die sich in architektonische Fragmente auflösen, Figuren die sich beugen und verdrehen in Reaktion auf unsichtbare Kräfte. Das Schlüsselwerk Glow, After (2026) ist Quarles' bislang größtes Gemälde auf Keilrahmen — zweiteilig, konzipiert für Rotation: Im Verlauf der Ausstellung wird es mehrfach neu konfiguriert, verändert seinen Sinn mit jedem neuen Winkel.

Quarles studierte Philosophie und Bildende Kunst am Hampshire College (BA 2007) und schloss ihren MFA an der Yale School of Art ab (2016). Ihr Werk ist in den Sammlungen des Centre Pompidou Paris, des Solomon R. Guggenheim Museum New York, des Tate Modern London, des Hirshhorn Museum Washington und des Museum of Contemporary Art Los Angeles vertreten. 2022 waren sechs Gemälde von ihr in Cecilia Alemani's Venedig-Biennale The Milk of Dreams zu sehen.

Für Maler, die sich mit expressiver Figuration auseinandersetzen, ist Quarles ein Schlüsselreferenzpunkt: ihre Fähigkeit, Instabilität — des Körpers, der Identität, der Malerei selbst — nicht als Verlust, sondern als produktive Spannung zu formulieren.

Institution

Lucas Arruda

geb. 1983 in São Paulo · lebt in São Paulo · David Zwirner / Mendes Wood DM

Lucas Arrudas Landschaften kommen von nirgendwo — und genau das ist ihr Geheimnis. Kein geografischer Ort ist in seinen Gemälden benennbar, kein Horizont eindeutig. Es ist eine Malerei des Zustands, nicht des Ortes: Licht, das zerfällt; Luft, die sich verdichtet; Stille, die zu einem physischen Druckerlebnis wird. Seine Technik setzt auf äußerst sparsamen Farbauftrag, auf das Übereinanderlegen von Lasuren, auf die Kontrolle des Lichteinfalls durch Schichtenstruktur. Das Ergebnis ist von einer meditativen Seltsamkeit, die an Gustave Courbet und Théodore Rousseau erinnert, ohne historisch zu sein.

Arrudas institutionelles Gewicht hat sich in den letzten zwei Jahren fundamental verändert. 2025 zeigte das Musée d'Orsay Paris seine erste französische Einzelausstellung Qu'importe le paysage — er hängte seine 34 Gemälde mitten unter die Werke von Courbet, Rousseau und Boudin im Impressionistensaal. Im März 2026 verkaufte David Zwirner ein neues Gemälde von Arruda für US$250.000 am Art Basel Hong Kong. Die aktuelle Ausstellung Deserto-Modelo ist bei David Zwirner New York zu sehen.

Sein Werk befindet sich in den Sammlungen des Centre Pompidou, der Fondation Beyeler, des Guggenheim, der Tate, des Moderna Museet Stockholm sowie der Pinault Collection — eine Dichte an internationalen Institutionen, die wenige lebende Maler vorweisen können.

Top-Galerie · Emerging

Nathanaëlle Herbelin

geb. 1989 in Tel Aviv · lebt in Paris · Xavier Hufkens / Jousse Entreprise

Sie wächst zwischen zwei Kulturen auf — in einem kleinen Dorf in der Mitte Israels, mit einem französischen Vater und einer israelischen Mutter — und lernt malen in Tel Aviv, in den Ateliers russischer und ukrainischer Einwanderer der 1990er Jahre. Nathanaëlle Herbelin studiert schließlich an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts de Paris (MFA 2016) und bleibt in der Stadt. Was bleibt, ist eine Malerei des Zwischen: weder ganz vertraut noch ganz fremd, weder ganz expressiv noch ganz dokumentarisch.

Herbelin malt Interieurszenen, Küchen, Gärten, Momente in Zimmern — aber was sie eigentlich malt, ist Erinnerung. Ihre Palette ist erdfarben, gedämpft, mit Ockergelb und verrauchtem Weiß als dominanten Tönen. Der Duktus ist locker, post-impressionistisch geschult. Sie nennt die Nabis als zentralen Einfluss — Pierre Bonnard, das stille Drama des Haushalten mit Farbe — und setzt diesen Einfluss in eine radikal aktuelle Bildsprache um.

Im März 2024 lud das Musée d'Orsay Paris sie zur Einzelausstellung Being Here is Splendor ein: Herbelin hängte ihre Leinwände in direkter Nachbarschaft zu den Nabi-Gemälden der Sammlung. Im April/Mai 2026 ist ihr Werk in der Gruppenausstellung The Self Assessed bei Galerie Max Hetzler Berlin zu sehen. Ihr Werk befindet sich in der Sammlung des Musée des Beaux-Arts de Rennes, des Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris, des Stedelijk Museum Amsterdam und des Museum of Tel Aviv.

Institution

Mamma Andersson

geb. 1962 in Luleå, Schweden · lebt in Stockholm · David Zwirner / Stephen Friedman Gallery

Karin Mamma Andersson — den Spitznamen bekam sie an der Königlichen Kunsthochschule Stockholm, um sie von einer gleichnamigen Kommilitonin zu unterscheiden — malt Räume, in denen Zeit sich aufgestaut hat. Ihre Interieurs sind keine Zimmer, sondern Stimmungen: Vorhänge, die etwas verbergen; Möbel, die aus einer anderen Zeitebene stammen; Figuren, die manchmal kaum mehr als Schatten sind. Sie arbeitet mit einem narrativen Geflecht aus nordischer Folklore, Film-Noir-Ästhetik und einem instinktiven Gespür für atmosphärische Verdichtung, das in der zeitgenössischen Malerei ihresgleichen sucht.

Ihre Ausstellung Oeuvres sur papier bei David Zwirner Paris (April – 27. Juni 2026) — die sechste Einzelschau mit der Galerie — zeigt den weniger bekannten Aspekt ihrer Praxis: Arbeiten auf Papier als gleichrangiges Medium zur Leinwand. Am Art Basel Hong Kong 2026 verkaufte David Zwirner ein neues Gemälde von Andersson für US$400.000.

Das Werk von Andersson ist in den Sammlungen des Museum of Modern Art New York, des Centre Pompidou Paris, des Moderna Museet Stockholm und des Louisiana Museum of Modern Art Humlebæk vertreten — eine kurze Liste von Institutionen, die für sich spricht.

Top-Galerie · Emerging

George Rouy

geb. 1994 in Sittingbourne, Kent · lebt in Faversham, Kent · Hauser & Wirth / Hannah Barry Gallery

Mit 30 Jahren ist George Rouy der jüngste Künstler auf dem Roster von Hauser & Wirth — und die Frage, die sich mit dieser Tatsache verbindet, ist keine der PR, sondern eine der Substanz: Was macht seine Malerei so dringlich, dass eine der mächtigsten Galerien der Welt ihn zu diesem Zeitpunkt aufnimmt?

Die Antwort liegt in dem, was Rouy "the bleed" nennt — das Ineinanderbluten von Figur und Grund, von Körper und Umgebung. Seine Leinwände zeigen menschliche Formen, die sich kollektiv verdichten und wieder auflösen: Massen, Multiplizitäten, Körper die gleichzeitig sind und sich verwandeln. Er malt nicht den Körper als gegebene Größe, sondern als Prozess — als etwas, das ständig verhandelt wird zwischen Innen und Außen, zwischen Kontrolle und Auflösung.

The Bleed, Part II (Hauser & Wirth Downtown Los Angeles, Februar – Juni 2025) war sein erster US-Solo — und er begleitete ihn mit der US-Premiere von BODYSUIT, einer Performance in Kollaboration mit Choreographin Sharon Eyal. Das Zusammendenken von Malerei und Bewegung ist kein Spektakel, sondern konzeptuelle Konsequenz: Wenn der Körper im Bild prozessual ist, warum sollte er es nicht im Raum sein? Für Maler, die expressiv und großformatig arbeiten, ist Rouy eine der relevantesten jungen Positionen in Europa.

Impasto con Spachtel — Die Malerei als Topografie

Die Spachtelmalerei ist keine Notlösung für den Moment, in dem der Pinsel versagt — sie ist ein eigenständiges Werkzeug mit einem Vokabular, das keiner anderen Technik entspricht. Sie erzeugt Texturen, die keine Bürste replizieren kann: das scharfe Relief, die gebrochene Kante, den Bereich wo die Farbe mit einem einzigen Strich auf die Leinwand gedrückt und sofort wieder abgezogen wird.

Die Technik reicht in die flämische und venezianische Malerei des 17. Jahrhunderts zurück, wo Tizian und später Rembrandt den Pinsel gelegentlich durch Messer oder Finger ersetzten, um direkte Texturen zu erzeugen. Im 19. Jahrhundert entwickelte Gustave Courbet sie zur Programmatik: Er benutzte den Spachtel systematisch, um die handwerkliche Gemachtheit des Bildes sichtbar zu machen — eine politische und ästhetische Aussage zugleich. Heute arbeiten damit Maler wie Georg Baselitz und George Rouy für Partien, die Schärfe und Unmittelbarkeit brauchen.

Materialliste: Palettenmesser und Spachtel in verschiedenen Formen (rund, keilförmig, lang-flexibel) · Leinwand grundiert (mittelgrobe Baumwolle oder Jute) · Ölfarbe oder Acryl mit Retarder · Malmittel: Leinöl + Terpentin (Öl) oder Acrylpaste (Acryl) · Spatel zum Reinigen.

01
Grundierung und Tonierung Leinwand mit Imprimatur grundieren — eine dünne, halbdeckende Tonschicht aus Umbra oder Ocker, die dem Bild sofort Wärme und Tiefe gibt. Trocknen lassen. Dieser Schritt bestimmt den "Grundton" aller späteren Schichten: eine warme Untermalung erzeugt mehr Leuchtkraft in aufgesetzten Kalttönen.
02
Erste Kompositionsskizze Mit Kohle oder sehr dünner Ölfarbe die Hauptkomposition anlegen — nicht als Vorlage, sondern als Orientierung. Der Spachtel wird diese erste Spur sichtbar überarbeiten, ohne sie ganz zu tilgen. Was durchscheint, ist keine Schwäche, sondern Teil der Bildgeschichte.
03
Erste Farbschicht mit Spachtel Farbe direkt aus der Tube auf der Palette häufen. Mit dem Spachtel in breiten, entschiedenen Zügen auftragen — nicht malen, sondern abstreifen. Der Spachtel drückt die Farbe gleichmäßig in die Leinwandstruktur und erzeugt gleichzeitig scharfe Kanten und weiche Übergänge. Wichtig: die Richtung des Strichs bleibt sichtbar und ist Teil der Aussage.
04
Aufbau und Schichtung Wartet man nicht vollständig auf Trocknung (Nass-in-Nass), verschmelzen die Farben an den Übergängen. Trocknet man vollständig ab, entstehen scharfe Reliefs, auf denen neue Farbe nur auf den Erhöhungen haftet. Beide Effekte sind gültig — ihre Kombination erzeugt Tiefe. Mit jeder Schicht wächst die Oberfläche als Topografie.
05
Subtraktive Geste Mit dem Spachtel frische Farbe wieder abzunehmen erzeugt andere Qualitäten als der Pinsel: Es entstehen transparente Bahnen, in denen die Tiefenschichten sichtbar werden. Auch das Einritzen in noch nasse Farbmasse — das Kratzen mit der Spachtelspitze — eröffnet ein eigenes Zeichenvokabular. Dieses "Freilegen" ist der Technik eigen und erzeugt keine Analogien.
06
Abschluss und Kontrolle Den Spachtel gelegentlich durch den nassen Pinsel ersetzen für Übergänge und Details. Das Gemälde als Ganzes betrachten — nicht zu viel überarbeiten. Spachtelmalerei verträgt keine Unsicherheit nachträglich: was gesetzt ist, ist gesetzt. Das erwartete Ergebnis ist eine Oberfläche, die ihr eigenes Entstehen sichtbar macht. Das Gemälde ist nicht Abbild, sondern Objekt.

Oldenburg

Horst-Janssen-Museum

Christoph Niemann. Randnotizen

15. November 2025 – 17. Mai 2026

Christoph Niemann — Titelseitenillustrator des New Yorker, einer der international bekanntesten deutschen Graphic Artists — ist in Oldenburg zuhause, und das Horst-Janssen-Museum erweist sich als idealer Rahmen für eine Begegnung zweier graphischer Universen. "Randnotizen" zeigt Niemann in seiner vollen Bandbreite: die präzise lineare Reduktion, den lakonischen Humor, die konzeptuelle Disziplin seiner Bildsprache. Was die Ausstellung anbietet, ist eine Reflexion über Zeichnung als Denkform — über die Linie als kürzeste Verbindung zwischen Idee und Bild.

Bremen

Kunsthalle Bremen

Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly in Rom

14. März – 5. Juli 2026

Friedrich Nerly (1807–1878) ist einer jener deutschen Romantiker, die in ihrer Zeit bedeutend waren und danach weitgehend vergessen wurden. Die Kunsthalle Bremen holt ihn zurück. Nerly lebte seit den 1830er Jahren in Venedig und malte die campagna romana mit einer Präzision und einem atmosphärischen Gespür, das an die besten Werke seiner Generation heranreicht. Das Highlight der Ausstellung: das 1836 entstandene Gemälde Campagnalandschaft mit Aqua Claudia, das nach jahrelangem Depotschlaf und aufwändiger Restaurierung erstmals wieder zu sehen ist. Eine empfehlenswerte Entdeckung für alle, die verstehen wollen, woher das spezifische nordeuropäische Verhältnis zur südlichen Landschaft kommt.