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Markt & Preise

Hongkong schreibt Geschichte: $164 Millionen in einer Woche

Der Frühling 2026 hat dem Kunstmarkt etwas zurückgegeben, was er lange vermisste: Schwung, Vertrauen, Rekorde. Hongkong Art Week Ende März markierte einen Wendepunkt. Sotheby's, Christie's und Phillips schufen erstmals gleichzeitig ihre Abendauktionen — ein koordinierter Kraftakt, der den Markt stärker auflud als jede einzelne Veranstaltung für sich. Das Ergebnis: $164,9 Millionen Gesamtumsatz, 18 Prozent mehr als die vergleichbaren Auktionen 2025. Beide großen Häuser erreichten White-Glove-Verkäufe — alle angebotenen Lose fanden Käufer.

Das Toploss der gesamten Woche gehörte Joan Mitchell. Ihr Gemälde La Grande Vallée VII (1983) erzielte bei Sotheby's am 29. März HK$137,4 Millionen — umgerechnet 17,6 Millionen US-Dollar. Damit ist es das teuerste jemals in Asien versteigerte Werk einer Frau. Das Bild aus Mitchells gefeierter „Grande Vallée"-Serie, einem Zyklus von 21 Werken zwischen 1983 und 1984, war 2020 bei Christie's New York für 14,5 Millionen Dollar weggegangen. Die Wertsteigerung innerhalb von sechs Jahren: rund 21 Prozent. Ein Indikator dafür, dass große gestische Malerei der Nachkriegszeit wieder fest im Visier internationaler Sammler steht — und dass Asien sich nicht länger nur als Abnahmemarkt westlicher Moderne versteht, sondern als Preissetzer.

Bei Christie's Hong Kong erzielte Gerhard Richters Abstraktes Bild (1991) HK$92,1 Millionen (11,8 Millionen US-Dollar) — 18 Prozent über dem Mindestschätzwert. Das Werk gehört zu nur 27 Gemälden, die Richter 1991 mit Rot als dominanter Farbe malte; lediglich drei davon befinden sich in institutionellen Sammlungen. Der 93-jährige Richter erlebt derzeit ein Comeback: Seine Retrospektive in der Fondation Louis Vuitton in Paris lenkte im Frühjahr 2026 neue Aufmerksamkeit auf sein Werk. Sanyu, der chinesisch-französische Modernist, brachte mit Cheval agenouillé sur un tapis (1950er/60er) HK$63,9 Millionen — abermals ein Hinweis, dass asiatische Sammler zunehmend auf klassische Moderne aus eigenen Regionen setzen. Den Auktionsrekord für den deutschen Maler Walter Spies (1895–1942) brach ein Werk der Sotheby's-Auktion: Blick von der Höhe (1934) erzielte HK$59,06 Millionen ($7,5 Millionen) — das erste Mal, dass ein Werk von Spies die Sieben-Millionen-Dollar-Marke überschritt.

Was diese Zahlen erzählen: Der Primärmarkt für zeitgenössische Kunst mag selektiver geworden sein, aber die sekundäre Nachfrage nach gesicherter Moderne — gestisch, abstrakt, malerisch — ist ungebrochen. Der Käufer des Mitchell-Gemäldes gab sein Gebot online ab. Die Geografie des Sammelns hat sich endgültig verändert.

Im Kommen · Names to Watch

Drei Namen, die gerade Fahrt aufnehmen

Babette Semmer, 1989 in London geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Ihre erste große institutionelle Einzelausstellung, Die Zähmung, zeigte der Oldenburger Kunstverein von Februar bis Mai 2026. Semmer überträgt Motive aus Jugendzeitschriften, Soap-Operas und privaten Fotoarchiven auf quarzgrundierte Leinwänden — ein Malverfahren, das Distanz und Intimität gleichzeitig erzeugt. Ihre Bilder fragen, was Domestizierung bedeutet: von Tieren, von Frauen, von Blicken. Der Berliner Galeriebetrieb kennt sie schon länger; jetzt kommt der Rest.

Anys Reimann, 1965 in Düsseldorf geboren als Tochter einer ostpreußischen Mutter und eines westafrikanischen Vaters, hat an der Kunstakademie Düsseldorf studiert und 2023 den Förderpreis für Bildende Kunst der Stadt erhalten. Am 2. Mai 2026 eröffnet die Weserburg Museum für moderne Kunst Bremen ihre erste museale Einzelausstellung: Mirrorball. Das ist ein Ritterschlag für eine Künstlerin, die seit Jahren mit großformatigen Collagen-Malereien und Skulpturen über Schwarze Identität, Körper und Repräsentation arbeitet. Der schwarze Garten, den Reimann für die Schau im Museum anlegt — ausschließlich schwarzblühende Pflanzen — ist das stärkste Bild der Saison.

Jonas Wood (geb. 1977, Boston) zeigt bei Gagosian Beverly Hills — seiner ersten LA-Ausstellung mit dem Haus — eine neue Serie von Tennisplatz-Gemälden. Jedes Bild zeigt einen historischen Match-Ort: ATP-, WTA- oder Olympia-Turniere, radikal vereinfacht zu fast flachen Farbfeldern. Woods Bildsprache zwischen Matisse-Fläche und amerikanischem Alltag erlebt gerade seinen institutionellen Aufwind: Ab September 2026 zeigt das Amorepacific Museum of Art in Seoul seine erste große Überblicksausstellung in Asien mit 50 Gemälden und 30 Papierarbeiten.

Stil & Material · Was gerade passiert

Das Rohe ist das Neue Raffinierte

Die auffälligste Bewegung in der zeitgenössischen Malerei 2026 ist keine Stilrichtung, sondern eine Haltung: die bewusste Rückkehr zur sichtbaren Hand. In einer Gegenwart, in der KI-Bildgeneratoren täglich Millionen technisch makelloser Bilder produzieren, wird die menschliche Spur zum Statement. Die sogenannte Naïve-Malerei — imperfekte Figuration, grobe Proportionen, kindlich-expressiver Strich — erlebt ihren stärksten Moment seit Jahrzehnten. Nicht als Dilettantismus, sondern als aktive Gegenposition zur digitalen Perfektion. Schlechtes Malen, sorgfältig ausgeführt, ist 2026 ein Zeichen professionellen Bewusstseins.

Parallel dazu: das Comeback der Materie. Großformatige Leinwände kehren ins Zentrum der Debatte zurück — nicht die cleanen, fotorealistischen Oberflächen der 2010er, sondern das Aufgetragene, Gelebte, Riskante. Impasto, wächserne Lasuren, Quarzputz als Bildgrund — Techniken, die Zeit sichtbar machen, gewinnen an Interesse. Tschabalala Self näht Stoff in ihre Kompositionen ein und collagiert Druckerzeugnisse zusammen mit Ölfarbe. Conny Maier lässt ihre Figuren aus der Leinwand heraus nach vorne kippen, mit einer Mischung aus Öl-Pigmenten und instabilen Bildräumen. Die Textur ist die Aussage.

In der Farbpalette dominieren erdige Töne mit unerwarteten Ausbrüchen: Ocker, Siena, gebrochene Weiß- und Kremetöne als Grundstruktur — dazu Akzente in einem fast aggressiven Gelb-Gold oder tiefen Kobaltblau. Die sogenannte „Quiet Painting" der frühen 2020er (muted tones, zurückgenommene Gesten) verliert an Terrain gegenüber einer neuen emotionalen Direktheit. Gestische Markierungen werden größer, bewusster platziert, manchmal in fast kalligrafischer Weise über die Leinwand geführt.

Material-Experiment: Mischtechniken auf unvorbereiteten Trägern. Rohe Leinwand, Jutestoffe, gefundenes Papier — Grundierungen werden weggelassen oder bewusst ungleichmäßig aufgetragen, sodass der Träger durch das Bild hindurch zu sehen ist. Diese Porosität ist programmatisch: Das Gemälde soll atmen, nicht abdichten.

Zeitgeist-Essay

Der Markt als Spiegel — Was Hongkong 2026 über die Gegenwart aussagt

Wenn 164 Millionen Dollar innerhalb einer Woche den Besitzer wechseln und dabei ausschließlich an Malerei gehen — gestisch, figürlich, abstrakt — dann ist das keine Anomalie. Es ist eine Diagnose. Hongkong Art Week 2026, das erste Mal in der Geschichte, dass die drei größten Auktionshäuser ihre Abendverkäufe gleichzeitig in der Stadt abhalten, hat etwas freigelegt, was der Kunstbetrieb der letzten Jahre gern übersehen wollte: der Hunger nach Handschrift ist ungebrochen. Und er wächst.

Joan Mitchells Preis von 17,6 Millionen Dollar für ein Gemälde aus dem Jahr 1983 — ein Werk, das aus Körper, Geste und Energie gebaut ist, aus dem Gewicht eines vollgezogenen Pinsels über einer großen Leinwand — sagt mehr über 2026 aus als jede Trendstudie. Es sagt: In einer Zeit, in der Bilder kostenlos generiert werden können, ist das Bild, das Mühe, Körper und Zeit bezeugt, das wertvollste überhaupt. Die Ironie ist offensichtlich, aber nicht banal. Der Markt, dieses scheinbar irrationale System, versteht etwas, das der Betrieb noch zu formulieren versucht.

Gleichzeitig verschiebt sich die Geografie des Sammelns. Dass die Rekordpreise in Hongkong erzielt werden — und nicht in New York oder London — ist keine Episode. Asiatische Sammler definieren aktiv, was zählt. Sie kaufen Mitchell, Richter, Sanyu. Sie setzen auf das historisch Gesicherte, aber sie tun es in einem anderen geografischen und kulturellen Rahmen. Die Frage, wer kanonisiert, verlagert sich ostwärts. Die westliche Kunstwelt tut gut daran, das ernst zu nehmen — nicht als Bedrohung, sondern als Erweiterung.

Was bedeutet das für die Malerei der Gegenwart? Es bedeutet, dass große gestische Bilder ihren Rückenwind von zwei Seiten bekommen: vom Markt, der gestische Moderne teuer bezahlt, und von einer neuen Generation, die im Impasto und in der sichtbaren Hand eine politische und ästhetische Notwendigkeit sieht. Die KI-Reaktion ist dabei weniger eine Bewegung als ein kollektiver Reflex — die Malerin und der Maler als letzte Verteidiger der menschlichen Uneindeutigkeit. Was wird gezeigt, wenn die KI alles kann? Das, was sie nicht kann: Entscheidungen, die scheitern, und aus dem Scheitern etwas Neues entstehen lassen.

Die Malerei bewegt sich in den nächsten 12 bis 18 Monaten in zwei Richtungen gleichzeitig: hin zu mehr Körperlichkeit und Materialhaftigkeit auf der einen Seite — und hin zu einer neuen Konzeptualität der Figuration auf der anderen. Das Bild als Denkzeug ist zurück. Die besten Malerinnen und Maler 2026 denken auf der Leinwand: Sie entwerfen keine Bilder im Voraus, die dann nur noch ausgeführt werden. Sie lassen Bilder entstehen. Das ist alt. Das ist neu. Das ist genug.

Top-Galerie

Conny Maier

geb. 1987, Deutschland · Berlin & Baleal, Portugal · Hauser & Wirth / Société Berlin

Conny Maier hat ihren Weg in die Malerei ohne Akademie gefunden. Eine Ausbildung zur Modedesignerin, ein eigenes Label — und dann die Erkenntnis, dass das, was sie wirklich verhandeln wollte, mehr Raum brauchte als Stoff erlaubt. Ihre großformatigen Gemälde sind bevölkert von puppen-ähnlichen Figuren, die sich in Naturräumen bewegen, die keine Ruhe kennen: Ökologie als Bedrohungszustand, das Anthropozän als kippender Hintergrund.

2021 wurde Maier als eine von drei Künstlerinnen mit dem Deutsche Bank Artists of the Year Prize ausgezeichnet. Ihre bisher umfangreichste institutionelle Schau, Beautiful Disasters (Langen Foundation, Neuss, 2023/24, kuratiert von Udo Kittelmann), brachte sie vor ein museales Publikum. Im Februar 2026 debütierte sie beim Frieze Los Angeles unter dem Dach von Hauser & Wirth — eine der auffälligsten Galerie-Ankündigungen des Jahres. Im Oktober 2026 folgt eine Einzelausstellung in der Pinakothek der Moderne, München.

Was diese Position interessant macht: Die Schnittstelle aus Expressivität und Konzept, aus körperlicher Malerei und erzählerischem Bildraum. Ihre Figuren wirken roh und überlegt zugleich. Die Farbpalette ist intensiv — keine Stimmungsmalerei, sondern Zustandsbeschreibung. Und die Verbindung aus selbstgelernter Technik und institutioneller Resonanz erzählt etwas darüber, wie weit man kommt, wenn die eigene Bildsprache stark genug ist.

Institution

Salman Toor

geb. 1983, Lahore, Pakistan · New York · Luhring Augustine

Salman Toor malt Räume, die gleichzeitig vertraut und fremd sind: Innenräume, Bars, Schlafzimmer, Terrassen — bevölkert von Figuren, die jung, männlich, queere und südasiatisch sind, gezeigt in Momenten der Intimität, des Scherzens, der Verletzlichkeit. Toor studierte in Ohio und schloss sein MFA am Pratt Institute in Brooklyn ab. Sein Stil zieht aus dem Barock, aus den Impressionisten, aus Miniaturmalerei — und fügt all das in eine Gegenwartserzählung ein, die kulturell ortlos und zugleich sehr persönlich ist.

2020/21 war How Will I Know seine erste große institutionelle Solo im Whitney Museum of American Art, New York — eine der meistbesprochenen Ausstellungen jener Saison. Es folgten Stationen am Baltimore Museum of Art, dem Tampa Museum of Art und dem Honolulu Museum of Art. Im Oktober 2026 eröffnet The Courtauld in London Someone Like You — Toors erste Einzelausstellung in Europa. Das ist ein Signal: Europäische Institutionen entdecken ihn, während sein Markt längst etabliert ist.

Toor ist eine Referenz im Umgang mit dem gemalten Körper: wie man Figuren in einem Bild so positioniert, dass sie Intimität ausstrahlen, ohne sentimental zu werden. Die Qualität seiner Lichtführung — tief, oft von innen heraus leuchtend — ist handwerklich eindrücklich.

Emerging

Sasha Gordon

geb. 1998, New York · David Zwirner / Matthew Brown

Sasha Gordon wurde im September 2024 die jüngste Künstlerin im Roster von David Zwirner — mit 26 Jahren. Das allein ist eine Aussage über Geschwindigkeit und Aufmerksamkeit, die die Galerie für ihre Arbeit aufbringt. Gordon, Absolventin des Rhode Island School of Design (2020), malt sich selbst: hyperrealistische Selbstporträts in transparent geschichteten Öltönen, die von innen heraus zu leuchten scheinen. Aber die Bilder sind keine Selbstdarstellungen im naiven Sinn — sie sind Szenarien, Erzähluniversa, in denen das eigene Gesicht als wiederkehrendes Emblem funktioniert.

Ihre Erstausstellung bei Zwirner, Haze (Sept.–Nov. 2025), zeigte eine neue Werkserie, die mit Erzählung und Mythos spielt — eine Art Ursprungsgeschichte ihrer eigenen Bildwelten. Gordon ist koreanischer und polnisch-jüdischer Herkunft, und diese Mehrschichtigkeit findet sich in ihren Bildern: Identität als etwas Zusammengesetztes, Glühendes, Instabiles.

Gordon ist interessant als Extremfall der Einzelperspektive: Was passiert, wenn man das eigene Gesicht immer wieder malt? Die Antwort in ihren Werken ist überraschend — es wird weniger persönlich, nicht mehr.

Top-Galerie

Jadé Fadojutimi

geb. 1993, London · Gagosian / Galerie Gisela Capitain / Taka Ishii Gallery

Jadé Fadojutimi hat an der Slade School of Art ihren BA (2015) und am Royal College of Art ihren MA (2017) erworben, letzterer mit dem Hine Painting Prize ausgezeichnet. Seit 2022 wird sie von Gagosian vertreten — neben der Galerie Gisela Capitain Köln (seit 2019) und Taka Ishii Gallery Tokio. Sie steht auf der TIME 100 Next-Liste 2024.

Fadojutimis Malerei ist schwer zu beschreiben, weil sie sich selbst immer wieder neu beschreibt: Große Leinwände, auf denen Farbe und Linie ein Eigenleben entwickeln, in denen Gitter, Transparenzen, Überlagerungen und Schriftzeichen-ähnliche Markierungen ein dichtes, lebendiges Feld bilden. Das Bild als emotionaler Raum. Als Zustandsprotokoll. Als Geräusch. Ihre erste museale Einzelausstellung Yet, Another Pathetic Fallacy am ICA Miami (2021/22) machte sie international bekannt. 2026 folgt eine neue Einzelschau bei Galerie Gisela Capitain in Köln (September).

Fadojutimi die Referenz in der reinen abstrakten Malerei: Wie schafft man ein Bild, das gleichzeitig strukturiert und unkontrolliert wirkt? Ihre Antwort ist eine Malweise, die körperlich und intellektuell zugleich ist — der Strich als Entscheidung, nicht als Geste.

Institution

Tschabalala Self

geb. 1990, Harlem, New York · Hudson Valley · Pilar Corrias / Galerie Eva Presenhuber

Tschabalala Self (Bard College BA 2012; Yale School of Art MFA 2015) baut Bilder, die Malerei, Druck und genähte Stoffe verbinden — großformatige Figuren Schwarzer Frauen, zusammengesetzt aus verschiedenen Materialien, die das Bild buchstäblich dreidimensional und taktil machen. Die Figuren nehmen Raum ein. Sie drängen sich ins Bild. Sie existieren ohne Entschuldigung.

Nach Stationen an MoMA PS1 New York (2019), dem Baltimore Museum of Art, dem Hammer Museum in Los Angeles und dem Brooklyn Museum wurde im Frühjahr 2026 bekannt, dass Self die Fourth Plinth Commission in London erhält — eine der begehrtesten öffentlichen Kunstkommissionen Europas. Ihre Skulptur Lady in Blue, eine Bronzefigur mit Lapislazuli-Patina, wird am Trafalgar Square aufgestellt. Im März 2026 war sie zudem in einer Gruppenausstellung mit Aria Dean und Sandra Mujinga bei Galerie Eva Presenhuber in Zürich vertreten.

Self eine Lektion in Material und Konzept: Wie weit kann man eine Leinwand dehnen, bevor sie aufhört, eine Leinwand zu sein? Und was passiert im Bild, wenn der Körper der Figur buchstäblich aus zusammengenähten Stücken besteht?

Technik

Alla Prima

Das Malen in einem Zug — Wet-on-Wet auf großformatigem Träger

Alla Prima (Italienisch: „beim ersten Mal") bezeichnet das vollständige Ausmalen einer Leinwand in einer einzigen Sitzung — Schicht auf Schicht, nass in nass, ohne Trocknungsphase. Das Bild entsteht und wird vollendet, bevor die erste Farbe getrocknet ist. Das Ergebnis ist eine Qualität, die durch schrittweise, getrocknete Malerei nicht zu erreichen ist: Lebendigkeit, Farbübergänge, die organisch wirken, und ein sichtbares Zeitzeugnis.

Herkunft und Geschichte

Die Technik hat ihre Wurzeln in der flämischen und holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, wo Frans Hals sie meisterhaft für seine Porträts einsetzte — die spontane Pinselführung war kein Fehler, sondern Programm. Im 19. Jahrhundert wurde Alla Prima zur bevorzugten Methode der Impressionisten: Manet, Degas, später Van Gogh nutzten die Frische und Unmittelbarkeit der Sitzung als ästhetischen Wert. Im 20. Jahrhundert griffen Abstract Expressionists und Figurationsmaler wie Francis Bacon und Georg Baselitz auf die Prinzipien zurück. Jean-Michel Basquiat malte großformatig und schnell — seine Leinwände atmen die Unmittelbarkeit der Alla-Prima-Entscheidung.

Materialliste

  • Leinwand, grundiert mit Acrylgesso (schnell trocknend, gute Haftung für Öl)
  • Öl- oder Alkydfarben (Alkyd trocknet schneller — praktisch für große Formate)
  • Leinöl oder Standöl als Verdünner (sparsam verwenden — zu viel verlangsamt das Trocknen weiter)
  • Terpentin oder Terpentinersatz (nur für die erste dünne Unterschicht)
  • Breite Flachpinsel (40–80 mm), Malermesser, großer Borstenpinsel

Die 6 Schritte

01
Imprimatura

Grundfläche mit stark verdünnter Ölfarbe (Umbra, Ocker oder Siena) einfärben. Die getönte Grundierung saugt weniger auf und lässt die Farben leuchtender erscheinen. Sie gibt dem Bild außerdem sofort Tiefe — weißes Gesso wirkt kalt und klinisch.

02
Rough-In mit stark verdünnter Farbe

Die Hauptkomposition mit terpentinverdünnter Farbe skizzenhaft anlegen. Diese erste Schicht ist kaum körperlich — sie etabliert Proportionen und Rhythmus, nicht Detail. Fehler sind hier noch leicht zu korrigieren: nasse Farbe lässt sich mit einem Tuch abnehmen.

03
Erste Farbschicht, frisch und direkt

Sofort auf die nasse Grundlage die ersten echten Farben auftragen. Die Schichten mischen sich an den Übergängen — das ist gewollt. Keine Angst vor Grau oder Schmutz in der Mischzone. Gerade diese unbeabsichtigte Vermischung erzeugt die Qualität, die Alla Prima von anderen Techniken unterscheidet.

04
Körper aufbauen

Mit dickerer, pastoserer Farbe die Hauptflächen stärken. Pinsel- und Messerarbeit wechseln: Das Malermesser zieht saubere Kanten und Flächen, der Pinsel lässt Bewegung entstehen. Auf großformatiger Leinwand kann hier mit dem ganzen Körper gearbeitet werden — Schritte zurück einplanen, um Proportionen zu überprüfen.

05
Akzente setzen

Letzte Schicht: die hellsten Lichter und dunkelsten Tiefen. Bei Alla Prima ist diese Schicht besonders kritisch — sie landet auf noch feuchter Farbe und darf nicht zu verwischt werden. Kurze, entschiedene Pinselstriche. Wer hier zu lange nacharbeitet, verschmiert das, was die Technik auszeichnet.

06
Stehenlassen

Das Gemälde zeigen lassen, bevor es trocken ist. Alla Prima lebt von der Frische. Überarbeitung ist der einzige Fehler — wer korrigiert, verliert das, was die Technik gibt: eine Malerei, die die Zeit ihrer Entstehung sichtbar trägt.

Das erwartete Ergebnis ist kein Gemälde, das perfekt ist — sondern eines, das lebt. Alla Prima trainiert Entscheidungsfreude und handwerkliche Disziplin gleichzeitig. Der einzige Weg, die Technik zu beherrschen, ist, sie regelmäßig zu riskieren.

Oldenburg

Babette Semmer: Die Zähmung

Oldenburger Kunstverein

20. Februar – 10. Mai 2026

In ihrer ersten großen institutionellen Einzelschau zeigt die Berliner Malerin Babette Semmer (geb. 1989, London) neue Werkgruppen, die auf Bildmaterial aus Jugendzeitschriften, Soap-Operas und privaten Fotoarchiven basieren. Die Motive werden auf quarzgrundierte Leinwände übertragen — ein Prozess, der gleichzeitig verfremdet und konserviert. Die Zähmung fragt, wie Bilder Vorstellungen von Weiblichkeit, von Kontrolle und von Normalität perpetuieren. Eine Ausstellung, die zugleich Malereigeschichte und Mediengeschichte ist.

Bremen

Anys Reimann: Mirrorball

Weserburg Museum für moderne Kunst

2. Mai – 4. Oktober 2026

Eröffnung 2. Mai 2026

Die erste museale Einzelausstellung von Anys Reimann (geb. 1965, Düsseldorf) bietet eine umfassende Überblicksschau ihrer jüngsten Arbeit: großformatige Collagen-Malereien, geheimnisvolle Lederskulpturen, Spiegelobjekte und Körperabgüsse mit geballten Fäusten. Reimann ist bekannt für selbstbewusste, vielschichtige Porträts Schwarzer Frauen, die den Blick zurückwerfen. Für Mirrorball entsteht eigens ein schwarzer Garten im Museum — eine begehbare Installation mit ausschließlich schwarzblühenden Pflanzen, angereichert mit ortsspezifischen Düften. Die Weserburg stellt Reimann erstmals in einem vollständigen musealen Rahmen vor — eine der stärksten Ankündigungen der Bremer Saison.