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Markt & Preise

Paris entdeckt einen Monet wieder — und der Markt entdeckt das Kleine

Der sichtbarste Einzelposten des April-Marktes kam aus einem Depot, das sich 115 Jahre lang nicht geöffnet hatte. Am 16. April 2026 versteigerte Sotheby's Paris Claude Monets Les Îles de Port-Villez, ein Spätwerk aus dem Jahr 1897, das seit mehr als einem Jahrhundert in einer Privatsammlung verschwunden war. Das Ergebnis: 6,5 Millionen Euro (umgerechnet 7,6 Millionen US-Dollar) — ein Hammerpreis, der den oberen Schätzwert von fünf Millionen Euro deutlich übertraf und beweist, was die großen Häuser seit Monaten signalisieren: Wiederentdeckungen mit sauberer Provenienz schlagen in einem selektiven Markt alle Benchmarks.

Die Botschaft des Frühjahrs 2026 ist weniger spektakulär als die Hongkong-Zahlen zwei Wochen zuvor, aber strukturell aufschlussreicher. Der Art Basel Market Report 2026 meldet eine auffällige Verschiebung: Kleinformate unter 100 Quadratzentimetern legten im letzten Jahr um 66 Prozent zu. Vierzig Prozent aller verkauften Arbeiten liegen mittlerweile unter 40 Quadratzoll. Der Markt verkleinert sich nicht in der Nachfrage, sondern im Format. Sammler:innen kaufen kleiner, öfter, spezifischer. Galerien wie Pace, David Zwirner und Hauser & Wirth passen ihre Messepräsentationen bereits an — die Tafeln werden dichter, die Wände voller, die Preispunkte niedriger pro Werk, aber höher in der Summe.

Frieze Los Angeles 2026 Ende Februar bestätigte das: Mehrere Siebenstellige-Deals wurden gemeldet, die Focus-Sektion mit emergenten Positionen war weitgehend ausverkauft, aber die Headline-Deals verlagerten sich von einem großen Trophäenwerk pro Stand hin zu mehreren mittelgroßen Abschlüssen. Eine Kuratorin formulierte es im Frieze-Presseraum so: „Es ist kein Deckelungs-Moment, es ist ein Konsolidierungs-Moment. Der Markt belohnt Sammlungsfähigkeit, nicht Überraschung."

Was das für die Malerei bedeutet: Mittelgroße Formate, die in jede Wohnung passen, ohne die Gesten zu verlieren — zwischen 80 mal 100 Zentimetern und 150 mal 180 — sind in diesem Frühjahr die am häufigsten verhandelten Größen. Nicht zufällig häufen sich die Einzelausstellungen mit Titeln wie Intimate Scale oder Chamber Works. Der Markt zieht die Künstler:innen nach.

Im Kommen · Names to Watch

Zwei Namen, die gerade Fahrt aufnehmen

Zwei Positionen, die 2026 einen deutlichen Sprung machen — nicht laut, aber mit substanziellem institutionellen Rückenwind. Beide arbeiten malerisch, beide haben in den letzten 24 Monaten den Wechsel von der emergenten in die etablierte Kategorie vollzogen.

Vivian Greven, 1985 in Bonn geboren, lebt und arbeitet in Düsseldorf. Sie wird in Düsseldorf von Kadel Willborn vertreten, seit Ende 2023 auch international von Perrotin. Ihre Gemälde übersetzen klassizistische Akte, Porträts und Körperberührungen in flache, digital anmutende Farbfelder — eine Malerei zwischen antikem Stein und iPhone-Fotografie. Werke von Greven befinden sich unter anderem in den Sammlungen der Hamburger Kunsthalle, des Kunstmuseum Bonn, des Kunstpalast Düsseldorf und des Long Museum Shanghai. 2026 ist sie in der Gruppenausstellung Echoes of Her Century am Long Museum West Bund vertreten (10. März – 31. Mai 2026) und bei der Art Basel Hong Kong sowie der ARCO Madrid präsent.

Doron Langberg, 1985 in Yokneam Moshava, Israel, geboren, studierte an der Pennsylvania Academy of Fine Arts (2010) und an der Yale School of Art (MFA 2012). Er lebt in New York und wird von Victoria Miro vertreten. Seine erste europäische Museums-Einzelausstellung, Part of Your World, zeigte die Kunsthal Rotterdam 2024. Werke von Langberg befinden sich im Metropolitan Museum of Art, im Whitney Museum of American Art und in der National Portrait Gallery London. Seine großformatige, lichtdurchflutete Malerei queerer Intimität gehört zu den am schnellsten wachsenden Marktpositionen seiner Generation — Artnet News führt ihn seit 2023 als „rising market star".

Stil & Material · Was gerade passiert

Die Rückkehr der sichtbaren Hand

Im Frühjahr 2026 verfestigt sich eine Entwicklung, die sich in den letzten 18 Monaten angekündigt hat und nun unübersehbar geworden ist: Die Malerei reagiert auf die Bilderflut der generativen KI, indem sie das Unperfekte, das Handgemachte, das Sichtbar-Gemachte ins Zentrum stellt. Was einzelne Künstler:innen wie Robert Nava oder Somaya Critchlow seit Jahren vorantreiben, ist auf dem Messeparkett 2026 zum Mainstream geworden. Galerien, die noch vor drei Jahren hochglatte Fotorealismen präsentierten, zeigen jetzt bewusst „schwere" Oberflächen: Impasto, Pinselspuren, sichtbare Pentimenti, freigelassene Leinwand.

Parallel dazu — und das ist die eigentliche Nachricht — kehrt das klein- und mittelformatige Bild ins Zentrum der Gespräche zurück. Wo die letzten Jahre eine fast monumentale Logik bevorzugten, arbeiten viele der interessantesten Positionen jetzt bewusst kleiner. Nicht als ökonomisches Zugeständnis, sondern als ästhetisches Programm. Der Art-Basel-Report spricht von einer „Rückkehr zur Betrachtungsnähe": Bilder, die zum Leser einladen statt zum Spektakel.

Materialseitig gewinnen unorthodoxe Träger an Bedeutung. Leinen statt Baumwolle. Jute. Kräftig texturierte Grundierungen aus Marmormehl oder Quarzsand. Öl wird wieder öfter pur und langsam aufgetragen, nicht beschleunigt mit Alkyd-Medien. Gleichzeitig experimentieren Jüngere mit ungewöhnlichen Bindemitteln — Kasein, Eitempera, Wachs-Ölmischungen — als bewusste Gegenbewegung zur digitalen Glätte. Die Handwerkskonferenz, die sich auf dem Messeboden zeigt, wäre vor fünf Jahren als retrograd abgetan worden. 2026 ist sie Statement.

In der Farbpalette dominieren gedämpfte Erdtöne — Ocker, gebrochene Umbra, Siena — kombiniert mit einzelnen, hart akzentuierten Signalfarben: Kobalt, Kadmiumrot, ein spezifisches Gold-Gelb, das sich bei vielen Positionen findet. Die „Quiet Painting" der frühen 2020er weicht einer neuen, kontrollierten Direktheit. Gesten sind wieder erwünscht, aber sie sitzen präziser. Der Strich ist zurück, und er ist diesmal überlegt.

Zeitgeist-Essay

Das Zimmer-Bild kehrt zurück

Es gab eine Zeit — sie dauerte ungefähr von 2015 bis 2023 — da hieß zeitgenössische Malerei vor allem: groß. Drei Meter, fünf Meter, sechs Meter. Leinwände, die von einer Galeriewand aus auf die Fotografie zielten, aus der sie dann über Instagram in die Welt weitergingen. Das Bild als Messewand-Ereignis, als Plattform-Moment. Eine Logik, die weniger vom Sammeln her gedacht war als von der Sichtbarkeit.

Diese Logik kippt gerade. Der Art-Basel-Report 2026 beziffert den Anstieg der Käufe von Kleinformaten unter 40 Quadratzoll auf 66 Prozent im Jahresvergleich. Monets Les Îles de Port-Villez — 54 mal 65 Zentimeter, kein Wandbrecher, aber hundertfünfzehn Jahre gelagert — erzielt in Paris 7,6 Millionen Dollar. Die Botschaft ist nicht, dass Großformate verschwinden. Sie werden weiter gemalt, weiter gekauft, weiter ausgestellt. Aber sie sind nicht mehr die einzige relevante Größe. Das Bild, das in ein Wohnzimmer passt, das eine Person allein betrachten kann, das mit dem Betrachter ein Zimmer teilt, ist wieder ein ernstzunehmender künstlerischer Vorschlag.

Das hat mehrere Gründe gleichzeitig. Der offensichtlichste: ökonomisch. Nach drei Jahren Marktkonsolidierung ist das Geld selektiver, und Käuferinnen kaufen anders. Nicht weniger, aber anders. Wo man früher ein Monumentalwerk wollte, kauft man jetzt drei mittlere. Sammlungen werden dichter, nicht schwerer. Der zweite Grund ist kultureller Natur: In einer Öffentlichkeit, in der visuelle Größe billig geworden ist — KI-Generatoren erzeugen in Sekunden jede beliebige Dimension —, verschiebt sich der Wert zur Intensität. Ein Bild, das man nah lesen muss, ist im Frühjahr 2026 wertvoller als eines, das man aus zehn Metern Entfernung erkennt.

Der dritte Grund ist maltechnisch. Wer wirklich in Öl und Leinwand arbeitet, statt nur in PR-Tauglichkeit, weiß: Das mittelgroße Bild ist das schwierigste Format. Es gibt nichts, wo man sich verstecken kann. Keine Fläche, die durch bloße Größe beeindruckt. Jede Entscheidung zählt. Die Rückkehr der sichtbaren Hand und die Rückkehr des Zimmer-Bildes sind ein und dieselbe Bewegung. Beide verlangen Präzision, Nachdenken, Geduld — Werte, die in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie der 2010er keinen Platz hatten.

Was heißt das für die nächsten 12 bis 18 Monate? Die interessantesten Arbeiten werden dort entstehen, wo Malerinnen und Maler nicht mehr versuchen, mit der Bildproduktion der KI zu konkurrieren, sondern sie bewusst unterlaufen: durch Materialität, durch Zeit, durch Betrachtungsnähe. Das Gemälde als Gegenvorschlag zur Simulation. Die Größe ist dabei zweitrangig. Was zählt, ist die Entscheidung auf der Leinwand — und dass sie sichtbar bleibt.

Institution

Frank Bowling

geb. 1934, Bartica, Guyana · London · Hauser & Wirth

Frank Bowling gehört zu den wenigen Malern, deren Werk in acht Jahrzehnten immer dichter geworden ist. Geboren 1934 im damals britischen Guiana, kam er 1953 nach London und studierte am Royal College of Art gemeinsam mit David Hockney und R.B. Kitaj. Seine Arbeit — großformatige, oft schichtweise aufgebaute Farbfelder — verbindet Abstract Expressionism, Colour Field Painting und eine eigene, lyrisch-abstrakte Sprache, die er über Jahrzehnte in Londoner und New Yorker Ateliers entwickelt hat. Besonders seine sogenannten Map Paintings der späten 1960er und frühen 1970er Jahre — monumentale Leinwände, in die Umrisse von Kontinenten verschwindend einmontiert sind — haben den Status historischer Gründungswerke.

2019 widmete Tate Britain Bowling die erste große Retrospektive seines Werks, verteilt auf neun Säle (31. Mai bis 26. August 2019). 2022 und 2023 tourte Frank Bowling: Americas vom MFA Boston zum SFMOMA. Er war der erste Schwarze Künstler, der in die Royal Academy of Arts gewählt wurde. Seit 2022 wird er von Hauser & Wirth vertreten. Seine Gemälde hängen in den Sammlungen des Tate, des MoMA, der Whitney Museum of American Art und zahlloser weiterer Institutionen.

Bowling ist eine Referenz für alle, die in großformatiger Abstraktion arbeiten und dabei Farbschicht auf Farbschicht setzen. Seine Oberflächen sind eher Felder als Gemälde — Zonen, die Licht eher halten als zeigen. Der Pinselstrich ist selten spektakulär, aber immer substantiell. Wer bei Bowling genau hinsieht, erkennt die Methode: Das Bild wird nicht gemacht, es wird aufgebaut.

Institution

Lynette Yiadom-Boakye

geb. 1977, London · London · Jack Shainman Gallery / Corvi-Mora

Lynette Yiadom-Boakye, 1977 in London als Kind ghanaischer Eltern geboren, malt Figuren, die nicht existieren. Ihre Porträts sind keine Abbildungen realer Personen, sondern Kompositionen aus Fotografien, Erinnerungsfragmenten, Gesten — gemalt oft in einer einzigen Sitzung, in gedämpfter Palette, mit flüssigem, fast skizzenhaft wirkendem Pinselstrich. Die Figur als Vorschlag, nicht als Dokument. Dabei ist sie gleichzeitig Malerin und Schriftstellerin: Ihre Bildtitel sind eigene literarische Setzstücke, keine Beschreibungen.

Ihre Einzelausstellung Fly in League with the Night wanderte von Tate Britain (ursprünglich 2020, durch Lockdown verkürzt, dann 2022–23 ausführlich gezeigt) über das Moderna Museet Stockholm weiter zu verschiedenen Stationen — eine Schau mit über 70 Gemälden, die zwei Jahrzehnte umfasst. Yiadom-Boakye wurde 2013 für den Turner Prize nominiert. Jack Shainman Gallery in New York vertritt sie seit 2010, Corvi-Mora in London hat sie seit ihren Anfängen aufgebaut. Ihre Werke befinden sich im Tate, im MoMA, in der National Portrait Gallery und in weiteren großen Sammlungen.

Für eine expressive, malerische Praxis ist Yiadom-Boakye eine Lektion in Zurückhaltung: Wie viel kann ein Bild aussparen und trotzdem vollständig sein? Ihre Palette ist reduziert — Braun, Schwarz, gebrochene Weißtöne, gelegentlich ein tiefer Grünton — aber die Tiefe der Figuren ist überwältigend. Geschwindigkeit des Malens kombiniert mit Langsamkeit des Schauens. Eine der ernsthaftesten malerischen Positionen der Gegenwart.

Top-Galerie

Loie Hollowell

geb. 1983, Woodland, Kalifornien · New York · Pace Gallery

Loie Hollowell baut Bilder, die zwischen geometrischer Abstraktion und körperlicher Empfindung vermitteln. Ihre Kompositionen bestehen aus wenigen, klar umrissenen Formen — Mandorla, Ogee, Lingam — die sich symmetrisch um eine Mittelachse organisieren. Aber was aus der Ferne wie Hard-Edge-Geometrie aussieht, erweist sich aus der Nähe als skulpturale, in Reliefschichten aufgebaute Malerei: Öl mit Sägemehl, hochgezogen zu greifbaren Graten. Ihre Themen: Schwangerschaft, Geburt, Sexualität, der Körper als Landschaft. Autobiographisch, aber nie illustrativ.

Hollowell, 1983 in Woodland, Kalifornien, geboren, absolvierte ihren BFA an der University of California, Santa Barbara (2005) und ihren MFA an der Virginia Commonwealth University in Richmond (2012). Pace Gallery vertritt sie seit 2017 — ihre erste Soloausstellung dort, Point of Entry, lief in Pace Palo Alto. 2024 folgte ihre erste Museums-Überblicksschau, Space Between, A Survey of Ten Years, am Aldrich Contemporary Art Museum in Ridgefield, Connecticut. Ihre Werke hängen im Centre Pompidou, im Hirshhorn Museum, im LACMA, im Stedelijk Museum Amsterdam, in der Albertina Wien, im M+ Museum Hongkong und im Zentrum Paul Klee Bern.

Hollowells Arbeit ist eine der präzisesten Antworten darauf, wie abstrakte Malerei heute eine Körpererfahrung vermitteln kann, ohne explizit zu werden. Die Formensprache ist einfach, das Farbgefühl extrem fein abgestimmt, die Oberfläche buchstäblich fühlbar. Eine Lektion in Reduktion, die das Gegenteil von karg ist.

Top-Galerie

Jonas Wood

geb. 1977, Boston · Los Angeles · Gagosian / David Zwirner

Jonas Wood malt das, was er kennt: sein Haus, sein Atelier, die Keramik seiner Frau Shio Kusaka, Pflanzen, Sportfotografien, Familienporträts. Aber die gemalte Welt ist keine Abbildung. Wood arbeitet aus Fotos, die er vorher zerschneidet, recollagiert, verzerrt, und baut daraus Bilder mit flächig-flacher Farbigkeit, Matisse-Flächen, verschobenen Perspektiven. Ein Mitteldistanzmaler der 2020er, der die Alltagswelt in eine malerische Grammatik übersetzt, die weder fotografisch noch abstrakt ist.

Wood wurde 1977 in Boston geboren, studierte Psychologie am Hobart and William Smith Colleges (BA 1999) und schloss 2002 seinen MFA in Malerei und Zeichnung an der University of Washington in Seattle ab. Er lebt und arbeitet in Los Angeles. Vertreten wird er weltweit von Gagosian — mit zahlreichen Einzelausstellungen in New York, Los Angeles, Hongkong und London — sowie von David Zwirner für die gemeinsame Arbeit mit Shio Kusaka. Woods Werk ist in den Sammlungen namhafter Institutionen vertreten; seine Verbindung zur Pop-Moderne (er wuchs mit den Werken seines Großvaters auf, darunter Arbeiten von Bacon, Calder, Motherwell und Warhol) gehört mit zur künstlerischen Biografie.

Wood ist ein guter Lehrmeister für das Problem, das viele figurative Maler:innen gerade haben: Wie arbeitet man aus Fotos, ohne fotorealistisch zu werden? Seine Antwort ist Flächigkeit und Geduld. Die Bilder werden langsam aufgebaut, jede Zone eine bewusste Flächenentscheidung. Nichts wirkt zufällig. Nichts wirkt steif.

Emerging

Leyla Yenirce

geb. 1992, Qubîn, Kurdistan · Berlin · Capitain Petzel

Leyla Yenirce wurde 1992 in Qubîn in Kurdistan geboren und lebt seit Jahren in Berlin. Sie arbeitet in mehreren Medien gleichzeitig — Video, Installation, Performance, Sound — und ist seit einigen Jahren auch konsequent in der Malerei angekommen. Ihre Gemälde auf Leinwand sind dichte Überlagerungen: Gefundenes Bildmaterial aus militärischen, medialen und filmischen Archiven, durchgearbeitet in schichtweise aufgetragener Ölfarbe, die die darunterliegenden Fragmente halb enthüllt, halb verdeckt. Figuren des Widerstands — Kämpferinnen, Überlebende, Zeuginnen — bevölkern diese Oberflächen, oft so stark in Farbe gelegt, dass sie wie Geister aus dem Bildgrund auftauchen.

Yenirce wird in Berlin von Capitain Petzel vertreten. 2024 erhielt sie den Kunstpreis Berlin, 2022 den ars viva Preis. Ihre Arbeiten befinden sich in den Sammlungen des Mudam Luxembourg, des Detroit Institute of Arts, des Kunstmuseum Magdeburg und des Kistefos Museums in Norwegen. Frühere Museumsstationen: Kunsthaus Hamburg, Haus der Kunst München, Kunsthalle Münster, Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig. Ihre erste Einzelausstellung im US-Gallerieraum, Eye Level, zeigte Petzel New York. Aktuell — und direkt relevant für diese Ausgabe — widmet ihr das Landesmuseum Oldenburg mit Werdegang (siehe Ausstellungen-Sektion, Eröffnung 17. April 2026) die erste große museale Einzelschau.

Was Yenirce zeigt: wie man Malerei politisch macht, ohne illustrativ zu werden. Die Dichte ihrer Bildoberflächen — mal fast abstrakt, mal abrupt gegenständlich — kommt aus einer Praxis, die Bilder nicht erfindet, sondern bearbeitet. Der Pinselstrich ist dabei immer ein Eingriff in bereits vorhandenes Material. Das gibt den Arbeiten eine besondere Zeitlichkeit: Sie sind nie das erste Bild, immer eine Antwort auf ein vorgefundenes.

Lasur auf Imprimatura

Die Lasurtechnik — das Auftragen transparenter Farbschichten über eine getrocknete, getönte Grundierung — ist eine der ältesten und langlebigsten Methoden der ölmalerischen Praxis. Sie stammt aus der flämischen Schule des 15. Jahrhunderts (Jan van Eyck) und wurde über Caravaggio, Rembrandt und die Holländischen Meister bis in die zeitgenössische Malerei weitergegeben. Anders als Alla Prima, wo das Bild in einer Sitzung entsteht, baut sich ein lasiertes Bild über mehrere Sitzungen und Trocknungsphasen auf. Das Ergebnis ist eine Tiefe, die in keiner anderen Technik erreichbar ist: Farbe scheint von innen heraus zu leuchten, weil das Licht durch die transparenten Schichten fällt, vom getönten Grund reflektiert wird und zurück ins Auge tritt.

Für großformatige, expressiv-abstrakte Malerei ist die Kombination aus farbiger Imprimatura und selektiver Lasur besonders interessant, weil sie erlaubt, pastose und transparente Zonen in einem Bild nebeneinander zu stellen. Frank Bowling arbeitet so — dichte Farbfelder über dünneren Lasurbereichen. Daniel Richter setzt Lasuren ein, um seine fast grafischen Figurationen in einen atmosphärischen Bildraum einzubetten. Georg Baselitz verwendet die Technik gelegentlich in seinen Aquarell-ähnlichen Ölarbeiten.

01

Imprimatura setzen Die weiße Grundierung der Leinwand mit stark verdünnter Ölfarbe (Terpentin 70 %, Farbe 30 %) in einem warmen Mittelton einfärben — klassisch Umbra, gebrannter Siena oder Ocker. Die Fläche gleichmäßig mit einem breiten Flachpinsel arbeiten. Vollständig trocknen lassen: 2–4 Tage je nach Temperatur. Die Imprimatura muss durchtrocknet sein, bevor darüber gearbeitet werden kann, sonst löst die nächste Schicht sie an.

02

Lasurmedium mischen Klassische Rezeptur: ein Teil Leinöl, ein Teil Dammar-Firnis, ein Teil Terpentin. Die Mischung ist die Basis für alle folgenden Lasurschichten. Frische Mischung trocknet glasig-klar auf, ältere Mischungen werden bräunlicher und trüben die Farbe. Deshalb: immer frisch ansetzen, nicht auf Vorrat. Alkydmedien wie Liquin sind eine schnell trocknende Alternative — sinnvoll bei großen Formaten und engen Zeitfenstern.

03

Erste transparente Schicht Farbe stark verdünnt mit dem Lasurmedium ansetzen — die Farbe soll durchsichtig bleiben, nicht deckend werden. Nur transparente oder halbtransparente Pigmente verwenden: Alizarinrot, Phthaloblau, Saftgrün, Ultramarin, gebrannter Siena. Deckende Pigmente wie Titanweiß oder Kadmiumgelb eignen sich nicht für reine Lasuren. Die erste Schicht großflächig auftragen, mit einem weichen Dachshaar- oder Bergerpinsel ausstreichen. Trocknen lassen: 3–7 Tage.

04

Schichten aufbauen Weitere Lasurschichten in unterschiedlichen Farbtönen auftragen — immer dünn, immer nach vollständiger Trocknung der vorherigen Schicht. Jede Schicht verändert die darunterliegenden Farben: Eine grüne Lasur über einer roten Schicht erzeugt ein anderes Rot, das nicht durch Mischen auf der Palette herstellbar ist. Genau das ist der Kern der Technik: Farbmischungen entstehen durch optisches Addieren, nicht durch physisches Mischen. Für komplexe Bildräume 4–8 Schichten, manchmal mehr.

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Pastose Akzente Nach mehreren Lasurschichten können lokal pastose, deckende Farbfelder gesetzt werden — dort, wo das Bild Gewicht braucht. Der Kontrast zwischen den transparenten, leuchtenden Zonen und den dichten, opaken Flächen ist die eigentliche Sprache der Technik. Ein Bild, das ausschließlich aus Lasur besteht, kann glasig und unentschieden wirken. Die pastose Zone gibt dem Bild einen Körper.

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Schluss-Firnis Nach vollständiger Durchtrocknung (6–12 Monate bei ernsthafter Ölmalerei, kürzer bei Alkyd) das Bild mit einem finalen Firnis überziehen — Dammar oder Retusche. Der Firnis sättigt die Farben und schützt die obersten Schichten. Wichtig: Nicht zu früh firnissen, sonst wird die Oberfläche später trüb. Der Firnis ist die letzte Entscheidung. Er gibt dem Bild seine endgültige Atmosphäre.

Das erwartete Ergebnis ist eine Malerei, die Licht auf eine Weise trägt, die durch direktes Malen nicht erreichbar ist. Lasur verlangt Geduld — Trocknungspausen von Tagen und Wochen — und belohnt sie mit einer Bildtiefe, die keine Abkürzung kennt. Für großformatige Arbeiten ist die Technik physisch anspruchsvoll: Jede Schicht bedeckt Quadratmeter, jede Sitzung dauert. Aber nach fünf oder sechs aufgebauten Schichten hat das Bild eine Qualität, die aus der Zeit selbst kommt. Lasur ist keine schnelle Technik. Sie ist eine Technik der langen Aufmerksamkeit.

Oldenburg

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte

Leyla Yenirce — Werdegang

18. April – 23. August 2026

Mit Werdegang zeigt das Landesmuseum Oldenburg die erste große museale Einzelausstellung der Berliner Künstlerin Leyla Yenirce (geb. 1992, Qubîn, Kurdistan). Die Schau versammelt Arbeiten aus mehreren Medien — Malerei, Video, Klanginstallation — und kartografiert eine Praxis, die sich seit rund einer Dekade konsequent mit den Bildmustern von Widerstand, Dominanz und kultureller Unterwerfung auseinandersetzt. Im Zentrum stehen ihre jüngsten, dicht überarbeiteten Ölgemälde: Figurationen von Kämpferinnen und Überlebenden, aus einem Archiv militärischer und medialer Quellen destilliert, Schicht für Schicht gemalt. Für das Oldenburger Publikum ist die Ausstellung eine erste Begegnung mit einer Künstlerin, deren institutionelle Kurve seit der ars-viva-Auszeichnung 2022 und dem Kunstpreis Berlin 2024 steil nach oben zeigt.

Bremen

Kunsthalle Bremen

Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly in Rom

14. März – 5. Juli 2026

Die Kunsthalle Bremen widmet dem heute fast vergessenen Maler Friedrich Nerly (1807 Erfurt – 1878 Venedig) eine Wiederentdeckung. Im Fokus: Nerlys frühe, in Rom und Süditalien entstandene Arbeiten der 1830er Jahre. Landschaften, antike Motive, aquarell-fein ausgeführte Ölskizzen einer Generation deutscher Romantiker, die Italien als künstlerisches Versprechen nahm. Glanzstück ist das monumentale Gemälde Campagnalandschaft mit Aqua Claudia (1836), das jahrzehntelang als schwerer Restaurierungsfall im Depot ruhte und erst durch eine private Spende wieder sichtbar gemacht werden konnte. Ergänzend dazu im Kupferstichkabinett der kleine Parallel-Blick Nerly in Venedig. Von Gondeln und Palästen (zeitgleich). Eine Ausstellung, die zwei Historien erzählt: die eines beinahe ausgelöschten Œuvres und die einer behutsamen, langjährigen Restaurierungsarbeit.