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Markt & Preise

Ein Monet, ein Klimt und das neue Misstrauen gegen die Monumentalität

Das sichtbarste Ereignis des April-Marktes spielte sich in Paris ab. Am 16. April 2026 versteigerte Sotheby's im Rahmen seiner Art Moderne et Contemporain Evening Auction zwei Gemälde von Claude Monet, die 115 Jahre lang in einer Privatsammlung verborgen gewesen waren. Das Spätwerk Les Îles de Port-Villez erzielte 6,5 Millionen Euro — rund 7,6 Millionen US-Dollar — und lag damit deutlich über dem oberen Schätzwert von fünf Millionen. Das zweite Los, Vétheuil, Effet du Matin (1901), löste laut Sotheby's einen zehnminütigen Bieterkampf aus. Kein Hammerrekord, aber ein signifikanter Einzelposten in einem Markt, der im Frühjahr 2026 vor allem selektiv agiert.

Der eigentliche Bezugspunkt des Herbstes 2025 — Sotheby's Doppelauktion im neu eröffneten Breuer-Gebäude in New York, die ein Gesamtvolumen von 706 Millionen Dollar erzielte, davon allein knapp 400 Millionen für drei Klimt-Gemälde — wirkt bis ins Frühjahr nach. Das 236,4-Millionen-Dollar-Porträt Klimts setzte einen neuen Weltrekord für das Haus und definierte die obere Schwelle des Marktes neu. Unterhalb dieses Plateaus verläuft die Konsolidierung geordnet: Wiederentdeckungen mit sauberer Provenienz schlagen unverändert alle Benchmarks, Mittelformate ziehen merklich an, großformatige spekulative Zeitgenössische bleiben zurück.

Galerieseitig hat die Bewegung, die im Januar mit der Zwirner-Übernahme von Emma McIntyre begonnen hatte, im Februar einen deutlich spürbaren Akzent bekommen: David Zwirner gab am 18. Februar 2026 die Vertretung von Louis Fratino bekannt, parallel zur bestehenden Sikkema-Jenkins-Repräsentation in New York und Galerie Neu in Berlin. Fratinos Venedig-Auftritt 2024 bei Adriano Pedrosas Foreigners Everywhere hatte ihn als einen der sichtbarsten figurativen Maler seiner Generation etabliert; der Zwirner-Schritt bestätigt, was der Zweitmarkt seit 2023 andeutet. Hauser & Wirth wiederum bringt die deutsche Malerin Conny Maier erstmals nach Frieze Los Angeles 2026 — ein Signal, dass die Mega-Galerien die emergente Schicht nicht mehr dem Primärmarkt überlassen.

Die strukturelle Botschaft des Frühjahrs 2026: Der Markt belohnt Tiefe vor Größe. Mittelformate zwischen 80 mal 100 und 150 mal 180 Zentimetern sind die am häufigsten verhandelten Dimensionen. Kleinformate unter 40 Quadratzoll, die laut Art-Basel-Report 2026 um 66 Prozent zulegten, definieren das neue untere Preissegment mit hoher Stückfrequenz. Die Monumentale bleibt — aber sie muss sich rechtfertigen.

Im Kommen · Names to Watch

Drei Positionen zwischen Debütmuseum und erster Messewelle

Drei Namen, die im Frühjahr 2026 einen konkreten institutionellen oder galerietechnischen Schritt nach vorn machen. Keine davon ist das Ergebnis eines Hypes — alle drei haben eine belastbare Ausstellungsgeschichte.

Die in Düsseldorf geborene Malerin Anys Reimann erhält ab dem 2. Mai 2026 ihre erste museale Einzelausstellung. Die Bremer Weserburg zeigt unter dem Titel Mirrorball bis zum 4. Oktober 2026 Arbeiten, in denen Reimann vor allem Schwarze Frauen porträtiert — in collagierter, zwischen Malerei und Bildfragment oszillierender Form. Für ein Haus, das sich seit Jahren als internationales Schaufenster mit regionaler Verantwortung positioniert, ist dieser Zuschlag kein kleiner: Ein Debüt auf dieser Bühne markiert den Wechsel vom Atelier-Geheimtipp zur institutionell gehaltenen Position.

Tunji Adeniyi-Jones, 1992 in London geboren, studierte an der Ruskin School of Art in Oxford (BFA 2014) und an der Yale School of Art (MFA 2017). Seine Malerei — rhythmische Figurenkompositionen in sattem Kolorit, die sich aus seiner Auseinandersetzung mit der Yoruba-Bildtradition speisen — wird von White Cube sowie Morán Morán in Los Angeles und Nicelle Beauchene in New York vertreten. 2025 zeigte White Cube in Seoul unter dem Titel Immersions eine für den Ort entwickelte Werkreihe. Seine Arbeiten sind im Birmingham Museum of Art, im Dallas Museum of Art und im Pérez Art Museum Miami vertreten.

Hilary Pecis, 1979 in Fullerton, Kalifornien geboren, lebt und arbeitet in Los Angeles und wird von Timothy Taylor in London und New York vertreten. Ihre Malerei — Stillleben, Interieurs und Landschaften in Acryl auf Leinwand — übersetzt Alltagsmotive in hochfarbige, flächig komponierte Bildsysteme, die einerseits an Matisse und Bonnard anschließen, andererseits unverkennbar aus der kalifornischen Gegenwart gespeist werden. Werke befinden sich in den Sammlungen der Aïshti Foundation, des Orange County Museum of Art und des Nasher Museum of Art.

Stil & Material · Was gerade passiert

Oxidation, rohe Leinwand und die Rückkehr der langen Trocknungszeit

In den Ateliers, die im Frühjahr 2026 den Ton angeben, zeichnet sich eine materialtechnische Bewegung ab, die auf den ersten Blick paradox wirkt: Immer mehr Maler:innen setzen auf Verfahren, die nicht beschleunigbar sind. Oxidation, mineralische Einbindung, Harzfirnisse, Tempera-Öl-Kombinationen — Techniken, die Tage oder Wochen Trocknungszeit verlangen, treten neben die schnelle, alkyd-gestützte Produktion der letzten Jahre. Der Markt für hochpreisige Ölfarben mit klassischen Mahlverfahren wächst messbar. Fachhändler melden Nachfrageanstiege im niedrigen zweistelligen Bereich. Leinenbahnen, grundiert mit Kalk-Kasein oder Marmormehl, sind zeitweise schwer zu beschaffen.

Exemplarisch für diese Verschiebung steht die Arbeit der neuseeländisch-amerikanischen Malerin Emma McIntyre, die seit 2024 von David Zwirner vertreten wird. Ihre Gemälde entstehen in einer Oxidationstechnik: Ein auf Eisenpigment basierendes Gemisch wird mit einer Reaktionslösung auf die Leinwand gebracht, wo es zu Rost oxidiert. Die Farbe malt sich, streng genommen, teilweise selbst. McIntyre verbindet das mit Öl, unkonventionellen Trägerstoffen und einer Motivwelt, die von Frankenthaler über Polke bis Twombly zitiert. Was dort an Oberflächenintensität entsteht, verlangt Geduld — und lehnt sich explizit gegen die Reproduzierbarkeit jedes digitalen Bildes.

Parallel gewinnt rohe, nicht grundierte Leinwand an Bedeutung. Die Farbe zieht ein, bleibt unvollständig reversibel, lässt Materialstruktur sichtbar. Louis Fratino arbeitet mit dünnen, lasurartig aufgetragenen Ölen, deren Pigmente in den Leinenrapport übergehen. Doron Langberg lässt großzügig Pausen zwischen Farblagen, wechselt zwischen öligen, deckenden Partien und fast transparenten Feldern. Das Bild wird nicht geschlossen, sondern strukturell offen gehalten.

Die Palette folgt dieser Verschiebung. Erdige Grundtöne — Umbra gebrannt, Sienna, Ocker — treffen auf wenige, entschieden gesetzte Signalfarben. Kobalt, Kadmium, ein spezifisches Gelb, das sich durch viele Ateliers zieht. Was ausfällt: das gedämpfte „Quiet Painting" der frühen 2020er. Was zunimmt: Kontrast, Gestus, sichtbare Entscheidung. Das Atelier ist 2026 wieder das, was es einmal war — ein Ort, an dem Zeit verstreicht.

Zeitgeist-Essay

Warum Zwirner gerade Maler kauft

Innerhalb von siebzehn Monaten hat David Zwirner drei figurative Maler in sein Programm aufgenommen, die jünger sind als vierzig. Sasha Gordon, geboren 1998, seit September 2024. Emma McIntyre, geboren 1990, ebenfalls 2024 — in Zusammenarbeit mit Château Shatto, was das Modell des geteilten Vertrags ausdrücklich etabliert. Louis Fratino, geboren 1993, im Februar 2026, bei weiter bestehender Sikkema-Jenkins-Vertretung. Hauser & Wirth hat George Rouy in einem vergleichbaren Schritt unter Vertrag genommen, Conny Maier folgt 2026 ins internationale Programm. Pace bewegt sich spiegelbildlich.

Das ist nicht einfach eine Marktverschiebung. Es ist ein Strukturwandel der Primärebene. Bis vor wenigen Jahren galt eine klare Arbeitsteilung: Die Mid-Size- und Hybrid-Galerien — Sikkema Jenkins, Château Shatto, Galerie Neu, Société, Pilar Corrias — bauten Positionen auf, die Mega-Galerien kauften sie in der zweiten oder dritten Karrierephase ein. Die neue Logik ist schneller und überlappender. Mega-Galerien sichern sich Positionen bereits in der ersten Museumsphase, lassen aber die aufbauenden Galerien im Spiel. Das Ergebnis: mehrfache Exklusivitäten, die sich geographisch oder funktional teilen. Was funktional klingt, ist strategisch. Die großen Häuser wollen die Biographien nicht erst dann einsammeln, wenn die Preise hoch genug sind, um bloß profitabel zu sein — sie wollen sie so früh halten, dass sie Teil des kuratorischen Profils werden.

Dahinter liegt eine kühlere Diagnose über den Stand der Malerei. Nach drei Jahren KI-Bildproduktion hat sich etwas geklärt, das zuvor als offen galt: Der künstlerische Wert liegt eindeutig auf der Seite des Handgemachten. Nicht, weil KI-Bilder als Kunst nicht zählten — diese Debatte ist älter und inzwischen ausdiskutiert — sondern weil die flächendeckende Verfügbarkeit generativer Bilder die Frage beantwortet hat, wonach der Primärmarkt der Zukunft sucht. Er sucht das, was nicht simulierbar ist. Das bedeutet Oberflächen, deren Entstehungszeit im Bild liegt. Künstler:innen, deren Biographie mit dem Werk verwoben ist. Malerei, die entweder aus dem Körper kommt — wie bei Fratino oder Langberg — oder aus einem nicht beschleunigbaren physikalischen Prozess — wie bei McIntyre.

Die zweite Beobachtung ist demografisch. Die Künstler:innen, um die sich die Mega-Galerien im Frühjahr 2026 bemühen, sind nahezu geschlossen queer, weiblich, diasporisch oder Kombinationen davon. Das ist keine Quote, sondern das Profil einer Generation, die in einer Kunstwelt sozialisiert wurde, die sich in den 2010ern erweitert hat. Wer 2026 als figurative Malerin in den Vierzigern oder Jüngeren relevant ist, hat eine Biographie, die nicht aus dem Kunstbetrieb des späten 20. Jahrhunderts ableitbar ist. Die Galerien, die das zuerst erkannt haben, führen das Programm. Die anderen holen auf.

Was das in den nächsten 12 bis 18 Monaten bedeutet: Der Markt wird weiter konsolidieren, aber entlang neuer Grenzlinien. Der Wert des Malerischen an sich ist ausgemacht. Was innerhalb davon entsteht — welche Positionen sich durchsetzen, welche durchfallen — wird darüber entschieden, ob die Oberfläche, die Zeit, die Handschrift eines Werkes Dichte erzeugen kann. Die Mega-Galerien haben ihre Einsätze bereits platziert. Die Museen, die in den nächsten zwei Jahren ihre Sammlungen erneuern, folgen. Die Welle läuft, aber sie läuft nicht nach der alten Logik.

Top-Galerie

Louis Fratino

geb. 1993, Annapolis, Maryland · New York · David Zwirner / Sikkema Jenkins / Galerie Neu

Louis Fratino gehört zu den am schnellsten arrivierten figurativen Malern seiner Generation. Geboren 1993 in Annapolis, Maryland, absolvierte er 2015 einen BFA in Malerei mit Schwerpunkt Illustration am Maryland Institute College of Art in Baltimore. Es folgte ein Fulbright-Forschungsstipendium in Berlin (2015/16). Seitdem baut er ein Œuvre auf, das queere Intimität, Familie, Ateliergeschichte und einen bewussten Rückgriff auf die klassische und moderne Bildsprache des 20. Jahrhunderts verbindet. Matisse, Picasso, Léger, die italienischen Metaphysiker — Fratinos Malerei referenziert sie nicht als Zitat, sondern als Werkzeugkasten. Bildaufbau, Kontur, flache Farbigkeit, gelegentlich die Verschiebung einer Gliedmaße ins Ornamentale.

2024 war Fratino Teil der 60. Biennale von Venedig unter der Kuration von Adriano Pedrosa (Stranieri Ovunque — Foreigners Everywhere) — ein Auftritt, den Artnet News im Nachgang als das Ereignis beschrieb, das ihn endgültig in die Kategorie der Marktschwergewichte seiner Generation verschob. Im Februar 2026 gab David Zwirner die Vertretung bekannt, parallel zur bestehenden Arbeit mit Sikkema Jenkins in New York und Galerie Neu in Berlin — ein geteiltes Modell, das die Signalwirkung großer Häuser mit der aufbauenden Arbeit kleinerer Strukturen kombiniert.

Für eine expressiv-figurative Praxis ist Fratino eine präzise Referenz darin, wie man Einflüsse öffentlich zeigt, ohne sie zu imitieren. Seine Bilder wirken nie epigonal — sie sind Gegenwart, aber Gegenwart mit bewussten Rückgriffen. Die Oberfläche ist meist ruhig, der Pinselstrich geordnet, der Bildraum klar. Die Intensität sitzt nicht im Impasto, sondern in der kompositorischen Entscheidung. Und gerade das macht seine Arbeit für Maler:innen interessant, die figurativ bleiben wollen, ohne ins Illustrative abzurutschen.

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Emma McIntyre

geb. 1990, Neuseeland · Los Angeles · David Zwirner / Château Shatto

Emma McIntyre, 1990 in Neuseeland geboren, lebt und arbeitet in Los Angeles. Nach einem Abschluss an der Auckland University of Technology (2011) folgte ein MFA an der Elam School of Fine Arts, University of Auckland (2016), und ein zweiter MFA am ArtCenter College of Design in Pasadena, Kalifornien (2021). 2019 erhielt sie ein Fulbright Graduate Award. Im Herbst 2023 zeigte David Zwirner ihre Einzelausstellung An echo, a stain an der 69th Street in New York; die formale Übernahme der Vertretung erfolgte 2024 in Kooperation mit Château Shatto — ein geteiltes Modell, das die jüngere Galerie im Spiel hält und zugleich eine internationale Bühne bereitstellt.

McIntyres Malerei basiert auf einem materialtechnischen Verfahren, das sie über Jahre entwickelt hat: Eine auf Eisenpigment basierende Mischung wird auf die Leinwand aufgetragen und reagiert dort mit einer Lösung, die Oxidation auslöst — das Pigment rostet. Der Prozess ist nur teilweise steuerbar; das Bild entsteht in einem Wechselspiel zwischen setzender Geste und chemischer Eigendynamik. Dazu kommen Öle, Pigmente, unorthodoxe Substanzen. Das Ergebnis sind Oberflächen, die gleichzeitig gemalt und gealtert wirken, historische Patina und zeitgenössische Direktheit verbinden. Motivisch schlägt McIntyre einen breiten kunsthistorischen Bogen: Renaissance, Rokoko, Helen Frankenthaler, Sigmar Polke, Cy Twombly — nicht als Zitat, sondern als Repertoire, aus dem sie Motive, Farbklänge und Gesten herausgreift.

Wer sich für die Frage interessiert, wie abstrakte Malerei heute eigenständige Oberfläche erzeugen kann, findet bei McIntyre eine der konsequentesten Antworten der Gegenwart. Das Verfahren lässt sich nicht beschleunigen, nicht digital reproduzieren, nicht leicht imitieren. Das Bild ist, im strengen Sinn, ein Objekt, das Zeit zeigt.

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Shara Hughes

geb. 1981, Atlanta · Brooklyn · David Kordansky / Galerie Eva Presenhuber / Pilar Corrias

Shara Hughes, 1981 in Atlanta geboren, schloss 2004 einen BFA an der Rhode Island School of Design ab und besuchte anschließend die Skowhegan School of Painting and Sculpture. Sie lebt und arbeitet in Brooklyn. International wird sie von David Kordansky in Los Angeles und New York, von Galerie Eva Presenhuber in Zürich sowie von Pilar Corrias in London vertreten. Ihr Durchbruch in die institutionelle Öffentlichkeit kam 2017 mit der Whitney Biennial, bei der ihr ein eigener Saal mit großformatigen Landschaftsbildern zugeteilt wurde — ein damals ungewöhnlicher Vertrauensvorschuss für eine emergente Position.

Hughes' Malerei verhandelt das Landschaftsgenre als imaginären Zustand. Sie arbeitet selten mit Referenzbildern, sondern setzt Farbe direkt auf die Oberfläche und mischt Pigmente häufig erst dort. So entstehen intuitive Farbklänge, die bewusst an Color Field Painting und Post-Impressionismus erinnern, ohne illustrativ zu werden. Schlangenartige Bäume, gedrehte Himmel, gedehnte Perspektiven, Spiegelungen, die die innere Logik verlassen: Die Landschaft bleibt Gattung, aber ihre Koordinaten werden auf psychologische Räume umgemessen. Im November 2025 eröffnete mit Inside Outside am Norton Museum of Art in West Palm Beach die erste große Überblicksschau ihrer Karriere — die Ausstellung umfasste Gemälde und Keramiken und lief bis 1. März 2026.

Hughes ist eine produktive Referenz für alle, die expressiv in Farbe arbeiten, ohne den Realismusanspruch abzuschalten. Ihre Bilder behalten die Gattung Landschaft bei, lösen aber alle Erwartungen an räumliche Kohärenz auf. Das Ergebnis ist eine Malerei, die frei wirkt, ohne willkürlich zu sein — genaue Entscheidungen in einem imaginativen Rahmen. Ein Arbeitsmodell, das im Frühjahr 2026 besonders gut funktioniert: hoher malerischer Einsatz, offene Motivlogik, handgemachte Direktheit.

Institution

Doron Langberg

geb. 1985, Yokneam Moshava, Israel · New York · Victoria Miro / Yossi Milo

Doron Langberg, 1985 in Yokneam Moshava in Israel geboren, studierte an der University of Pennsylvania (BFA) und erhielt 2012 einen MFA an der Yale School of Art. Er lebt und arbeitet in New York City und wird international von Victoria Miro vertreten. Seine erste institutionelle Einzelausstellung in Europa, Part of Your World, zeigte 2024 die Kunsthal Rotterdam. Werke von Langberg befinden sich im Metropolitan Museum of Art, im ICA Boston, im Des Moines Art Center und in der National Portrait Gallery in London. Preise und Stipendien: John-Koch-Preis der American Academy of Arts and Letters, Elizabeth Greenshields Foundation Grant, Yale Schoelkopf Travel Prize.

Langbergs Malerei kreist um die Physikalität der Berührung — als Sujet ebenso wie als Malpraxis. Er porträtiert queere Zärtlichkeit, Familienmomente, Wildblumen, weite Landschaften, oft in großem Format und mit einem Licht, das in der zeitgenössischen Malerei selten geworden ist. Dünn aufgetragene Öle treten gegen fast pastose Akzente, große Partien der Leinwand bleiben beinahe transparent. Die Bildlogik ist offen: Figuren gehen in Umgebungen über, Körper in Licht, Licht in Malerei.

Was Langbergs Arbeit lehrt, ist eine Art figurativer Zurücknahme. Er zeigt, wie sich Intimität malen lässt, ohne private Details zu illustrieren. Die Gemälde sprechen eine klare Sprache, aber keine explizite. Das ist eine Tradition, die über Alice Neel, David Hockney und in Teilen Eric Fischl führt und die sich bei Langberg erneuert zeigt: Malerei als Ort einer erweiterten Zugehörigkeit.

Institution

Vivian Greven

geb. 1985, Bonn · Düsseldorf · Kadel Willborn / Perrotin / Aurel Scheibler

Vivian Greven, 1985 in Bonn geboren, studierte an der Kunstakademie Düsseldorf und schloss ihr Studium 2015 ab. Sie lebt und arbeitet in Düsseldorf; seit 2024 ist sie Professorin an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. International wird sie von Kadel Willborn in Düsseldorf, Perrotin, Aurel Scheibler in Berlin und Gallery Vacancy in Shanghai vertreten. Werke von Greven befinden sich unter anderem in den Sammlungen der Hamburger Kunsthalle, des Kunstmuseum Bonn, des Kunstpalast Düsseldorf, des Kunstmuseum Stuttgart und des Long Museum in Shanghai.

Grevens Malerei kreist um Berührung, Intimität, klassizistische Anspielungen — Körperpartien, die aus antiken Statuen herausgelöst wirken und in digital glatten Farbfeldern platziert werden. Lippen, Brustwarzen, Fragmente, die sich gerade noch als menschlich lesen lassen, aber schon zur Zeichen werden. Die Oberfläche ist bewusst unglanzlos, fast kreidig, mit weich ineinandergesetzten Pastelltönen, die keine Gestik zeigen, sondern eine ausgesprochen kontrollierte Flächigkeit. Ihre Arbeit steht im Dialog mit der digitalen Bildkultur, ohne ihr nachzueifern — sie zeigt, dass Malerei die Effekte des Digitalen aufnehmen und in Material zurücküberführen kann.

Was Greven für die zeitgenössische Malerei so interessant macht, ist die Genauigkeit ihrer Referenzbewegung. Sie zitiert nicht, sie übersetzt: antike Skulptur in digitale Oberfläche, digitale Oberfläche zurück in malerisches Pigment. Eine Praxis, die in jeder Sitzung eine klare kunsthistorische Position markiert, ohne laut zu werden. Das Bild als reduziertes, hoch kontrolliertes Objekt — mit einer unterschwelligen Wärme, die sich erst aus der Nähe erschließt.

Oxidation: Eisenpigment als malerisches Verfahren

Die Oxidationstechnik — das gezielte Rosten-Lassen von Eisenpigment auf der Leinwand — ist eine der wenigen Malverfahren, die in den letzten zehn Jahren wirklich neu Bedeutung gewonnen haben. Sie steht in einer Linie mit der Pigment-Dispersion der frühen Abstrakten — Helen Frankenthaler, Morris Louis, die unverdünnten Farbeinzüge der Color-Field-Malerei —, bringt aber eine fundamental andere Dimension ins Bild: Zeit. Das Pigment reagiert chemisch mit seiner Umgebung und arbeitet nach dem Auftragen weiter. Das fertige Bild zeigt nicht nur die Geste, sondern die abgeschlossene Reaktion. Emma McIntyre arbeitet seit Jahren mit diesem Verfahren; ältere Varianten finden sich bei Sigmar Polke (Eisenchlorid, Silberoxid) oder bei Anselm Kiefer (Blei-Kupfer-Salzlösungen in Dickschichten).

Für eine expressiv-abstrakte Praxis ist die Technik interessant, weil sie das kontrollierte Unkontrollierte einführt. Der Pinselstrich setzt den Startpunkt, aber die Oberfläche entwickelt sich über Stunden oder Tage weiter. Das erlaubt, gestische Entscheidungen zu treffen, deren Ergebnis erst später sichtbar wird — eine Arbeitsweise, die in der Lasurtechnik (siehe Atelier Studie No. 05) in anderer Form vorgeprägt ist.

01
Material Leinen- oder Baumwoll-Leinwand, nicht grundiert oder nur sparsam mit Hasenleim. Eisenacetat-Lösung oder feines Eisenpulver (Fe-Pigment). Essigsäure (5%) als Reaktionsbeschleuniger. Öl oder Acrylmedium als Bindemittel für spätere Schichten. Atemschutz, Handschuhe, offener Raum.
02
Grundlage vorbereiten Leinwand flach legen, nicht auf Keilrahmen. Mit Hasenleim oder verdünntem Acrylmedium nur punktuell behandeln, sodass die Rohstruktur des Leinens an den gewählten Stellen erhalten bleibt. Das Pigment reagiert direkt mit der Faser und prägt deren Textur ins Bild.
03
Eisenpigment auftragen Pulver mit einem flachen Pinsel oder per Schüttauftrag auf die Leinwand bringen. Gestische Spuren, geometrische Zonen, freigelassene Felder — die Entscheidung fällt hier. Das Eisen sollte sichtbar auf der Oberfläche liegen. Vorsicht beim Einatmen des Pulvers.
04
Reaktion starten Essigsäurelösung aufsprühen oder vorsichtig aufpinseln. Die Oxidation setzt innerhalb von Minuten ein: Erst erscheinen gelblich-braune Töne, dann intensives Rostrot, schließlich ein tiefer, oft ins Violette gehender Umbraton. Das Bild arbeitet über Stunden bis mehrere Tage. In diesem Stadium: nicht bewegen, nicht bearbeiten.
05
Stoppen und sichern Wenn der gewünschte Oxidationsgrad erreicht ist, die Fläche mit demineralisiertem Wasser abspülen oder mit einem neutralisierenden Fixativ (Borax-Lösung, verdünnte Soda) arbeiten. Trocknen lassen — mindestens 48 Stunden. Erst danach kann mit Öl oder anderen Medien weiter übermalt werden.
06
Ergebnis Eine Oberfläche, deren Farbe aus einer physikalisch-chemischen Reaktion hervorgegangen ist und nicht aus reiner Handgestaltung. Das Bild zeigt Zeit — gemessen in Trocknungsstufen, nicht in Pinselschlägen. Die Reaktion ist nicht vollständig reversibel, die Oberfläche bleibt über Jahrzehnte in Bewegung (empfohlen wird konservatorische Firnisbehandlung nach sechs Monaten).

Oldenburg

Horst-Janssen-Museum

Horst Janssen. Neu entdeckt!

15. November 2025 – 17. Mai 2026

Eine Werkschau, die Horst Janssen als Ausnahmezeichner, Oldenburger Bürger, Hingucker und Ich-Sucher vorstellt. Die im November 2025 eröffnete Ausstellung zeigt besonders farbige Exponate der Sammlung und läuft noch bis Mitte Mai. Trotz andauernder Baumaßnahmen ist das Museum über den Seiteneingang Am Stadtmuseum geöffnet; die erste Ebene mit der Dauerausstellung und die zweite Ebene mit der Sonderausstellung sind zugänglich.

Bremen

Weserburg — Museum für moderne Kunst

Anys Reimann: Mirrorball

2. Mai – 4. Oktober 2026

Eröffnung 2. Mai 2026

Die Weserburg zeigt als erstes Museum überhaupt eine Einzelausstellung der in Düsseldorf geborenen Malerin Anys Reimann. Bekannt geworden für ihre Bildnisse Schwarzer Frauen in collagierter, zwischen malerischer Fläche und Bildfragment oszillierender Form, erhält Reimann mit Mirrorball ihre erste museale Einzelschau. Die Ausstellung läuft parallel zur neuen Sammlungspräsentation So wie wir sind, die seit Februar 2026 auf 2.500 Quadratmetern Positionen von mehr als 100 Künstler:innen zeigt.

Bremen

Kunsthalle Bremen

Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly in Rom

14. März – 5. Juli 2026

Die Kunsthalle Bremen widmet dem in Erfurt geborenen Maler Friedrich Nerly (1807–1878) eine umfassende Doppelausstellung, die seine römische und später venezianische Periode nebeneinander zeigt. Der erste Teil, Natur und Antike, konzentriert sich auf Nerlys Zeit in Rom — Zeichnungen, Ölstudien und Gemälde, die die antike Kultur, die Landschaft der Campagna und die deutsche Künstlerkolonie in der römischen Bohème dokumentieren. Parallel läuft Nerly in Venedig. Von Gondeln und Palästen (ebenfalls bis 5. Juli 2026) mit den venezianischen Arbeiten des Malers.

Bremen

Weserburg — Museum für moderne Kunst

So wie wir sind. Sammlungspräsentation 2026

ab 21. Februar 2026

Die 2026er-Ausgabe der permanent rotierenden Sammlungspräsentation zeigt Beiträge von mehr als 100 Künstler:innen verteilt über zwei Etagen. Erstmals sind zwei der größten Unternehmenssammlungen in Deutschland vertreten — die der Kulturstiftung der DZ-Bank und die Mercedes-Benz Art Collection. Neue Themenräume zu Körper, Mensch, Deutschland, Macht und Landschaft verbinden historische und aktuelle Positionen in einer Ausstellung, die eher als kollektives Bildgedächtnis inszeniert ist denn als klassische Hängung.