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Markt & Preise

Hong Kong drückt das Tempo, New York wartet

Die Rangordnung des Frühjahrs liest sich kürzer als sonst. Am 29. März 2026 ging Joan Mitchells La Grande Vallée VII (1983/84) bei Sotheby's Hong Kong für HK$137,3 Millionen — etwa US$17,6 Millionen — an einen Online-Bieter. Der Zuschlag liegt knapp über der unteren Schätzung von HK$110 Millionen und macht das Diptychon zum teuersten je in Asien versteigerten Werk einer Künstlerin. Mitchells eigener Auktionsrekord wurde damit für die Region neu gesetzt. Im Saal lief weiter Mark Rothkos No. 10 (1949): HK$66,8 Millionen mit Gebühren, mehr als das Doppelte der unteren Taxe. Sotheby's Hong Kong Spring Week generierte rund US$160 Millionen — die Region scheint nach der Flaute des Vorjahres wieder Sammlerkapital zu binden.

In New York fielen die Mid-Season-Sales bei Christie's, Sotheby's und Phillips deutlich verhaltener aus. Höchstgebot der Saison: Jeff Koons' Winter Bears für US$7,6 Millionen — ein Mid-Season-Rekord, aber kein Marktsignal. Erfreulicher der Befund am unteren Ende der A-Liste: Alma Thomas' Snoopy Sees Sunrise on Earth (1970) erzielte US$3,8 Millionen, der zweithöchste je für Thomas notierte Preis. In Paris lieferte Sotheby's mit einer Monet-Wiederentdeckung €10,2 Millionen — der höchste Monet-Preis, der jemals in Frankreich auktioniert wurde.

Im großen Bild: Der US-Auktionsmarkt schloss 2025 bei US$3,17 Milliarden um 23 Prozent über Vorjahr — das erste Jahresplus seit 2022. Global stiegen die Verkäufe nach den Zahlen des Art-Basel/UBS-Reports auf rund US$59,6 Milliarden (+4 Prozent), die öffentlichen Auktionen auf US$20,7 Milliarden (+9 Prozent). Die Anzahl der gehandelten Lose fiel jedoch um knapp 20 Prozent — ein Markt, der enger und selektiver wird. 43 Prozent der befragten Galerist:innen erwarten für 2026 steigende Umsätze, 38 Prozent stabile. Die entscheidenden Mai-Auktionen in New York werden zeigen, ob der Frühling den Trend trägt.

Im Kommen — Names to Watch

Drei Positionen, die im Frühjahr ihren institutionellen Boden finden

Die in Pune geborene und in San Francisco ansässige Malerin (geb. 1988) zeigt vom 16. Januar bis 23. August 2026 unter dem Titel My Body Was a River Once ihr institutionelles Solo-Debüt am Institute of Contemporary Art San José. Kuratiert von Zoë Latzer, in Partnerschaft mit Jonathan Carver Moore Gallery. Großformatige Ölmalerei, Bemalung auf Seidenorganza, Holz- und Glasskulpturen, eine Tonarbeit. Mirchandanis durchscheinende Frauenfiguren lösen sich aus interieurhaften Räumen, verschmelzen mit Wasserfällen, Steinen, Baumrinden — Apsara-Mythologie als Bildgrammatik diasporischer Erfahrung.

Mit der Soloschau honey honey honey bei kaufmann repetto markiert Diambe einen ungewöhnlichen Schritt: Die Brasilianer:in arbeitet mit selbst angesetzter Eitempera, eigenen Pflanzenfarben und Bienenwachs-Gussbronzen. Die Werkserie novas mucosas — trans-spezifische Wesen zwischen Malerei und Skulptur — entzieht sich der digitalen Glätte konsequent. Eitempera trägt hier nicht nur Pigment, sondern eine Geschichte: Permanenz, langsames Bauen, Nähe zur Oberfläche. Keine Modeerscheinung — die Praxis ist bedacht und schwer zu kopieren.

Die südkoreanische Malerin (geb. 1988) hat 673 Tage lang 46 Länder bereist und über 400 Arbeiten produziert — eine Recherche-Praxis, die sich in stillen, naturgetragenen Bildräumen niederschlägt. Maddox Gallery zeigt im Mai 2026 ihre Londoner Solo-Ausstellung. Was hier zählt, ist nicht der kommerzielle Schub, sondern die Konsequenz: eine Malerei, die ihre Methode aus geographischer Bewegung zieht — nicht aus dem Studio-Mythos. Die Galerie führt Kim als Spitzenposition ihres „Top 5 to Watch 2026“-Programms.

Stil & Material

Was gerade passiert: Material kehrt zurück

Wer durch die Frühjahrsmessen und die Galerieprogramme blickt, sieht eine deutliche Verschiebung weg von der polierten, technischen Oberfläche hin zur haptischen Spur. Impasto — der reliefartige Auftrag pastoser Farbschichten — wird wieder zu einer dominanten Geste, auch in Positionen, die vor zwei Jahren noch glasiert gemalt hätten. Statt Pinsel und Glaze-Medien dominieren Spachtel, Palettmesser, der direkte Materialkontakt. Sammler:innen verlangen offen das, was eine englische Beobachterin treffend „die Ringe der Anstrengung“ nennt — sichtbare Mühe als Beleg für Autorenschaft. Es ist ein Kontertrend gegen die algorithmische Bildproduktion: Das Bild muss seine eigene Herstellung tragen.

Parallel verschiebt sich die Farbpalette. Die kühlen Studio-Pastelle der späten 2010er sind aus den Galerien gewichen. An ihrer Stelle: gesättigte Erdtöne. Schokoladenbraun, warmes Ocker, Terrakotta, Mossgrün, Tonröte. Künstler:innen ziehen aus Erde, Stein und Naturpigment — auch dort, wo es technisch nicht nötig wäre. Die Palette atmet Materialität. Das hat eine ökologische Note, aber wichtiger ist der visuelle Effekt: Die Bilder werden schwerer, langsamer, weniger fotogen. Sie wollen im Raum stehen, nicht im Feed.

Stilistisch zerfällt der figurative Boom des frühen Jahrzehnts. Was übrigbleibt, ist eine neue Verletzlichkeit: leise Realismen, narrative Porträts, häusliche Nahsichten. Die laute, glatte Identitätsmalerei der späten 2010er weicht einer langsameren, weniger illustrativen Bildsprache. Gleichzeitig erlebt der abstrakte Expressionismus ein verändertes Comeback — nicht als Hommage, sondern als technische Strategie. Eine englische Beobachterszene spricht von „chaoticism“: Chaos als formgebende Kraft, Brushwork als Authentizitätsgeste. Was out ist: glatte Oberflächen, NFT-Ästhetik, hyperreale Photo-Painting, generische Identitätspolitik ohne Bildidee.

Zeitgeist — Essay

Die Rückkehr der Hand

Wer die Saisons des Frühjahrs nüchtern liest, findet zwei Bewegungen, die zunächst nichts miteinander zu tun haben — und doch denselben Befund tragen. Erstens: Der Auktionsmarkt sortiert sich neu. Die Kapitalströme suchen weniger Lose, dafür ältere Werke und reifere Positionen. Joan Mitchells Diptychon, ein Rothko aus 1949, ein wiederentdeckter Monet — Hong Kong, New York, Paris stützen sich auf Produktion aus dem 20. Jahrhundert. Zweitens: Die Galerien programmieren gegen die Glätte. Impasto, Eitempera, Pflanzenfarbe, Pigment aus Erde. Die haptische Geste schiebt sich an die Stelle der digitalen Lesbarkeit. Beides erzählt dieselbe Geschichte: ein Markt, der sich seiner eigenen Fundamente vergewissert. Eine Malerei, die ihre Materialität betont.

Diese Bewegung ist keine Romantik. Sie ist eine Antwort auf eine Bilderwelt, in der Bilder beliebig produziert und algorithmisch kuratiert werden. Wenn Bildgenerierung gratis ist und in Sekunden zu haben — was bleibt einem Tafelbild? Die Antwort, die sich gerade durchsetzt: die Spur der Anstrengung. Die Imperfektion. Das, was sich nicht reproduzieren lässt. Daher der harte Cut zur Tactile-Craft-Bewegung, daher die rituelle Rückkehr zur Eitempera, daher der pastose Spachtelauftrag bei Künstler:innen, die vor drei Jahren noch lasiert haben. Die Hand wird zur Beweisgeste. Und der Markt belohnt das.

Die Frage, die sich ab der Mai-Saison in New York stellen wird, ist nicht ob, sondern wie weit. Wenn die Frühjahrsdaten halten — und Hong Kong scheint zu liefern —, dann verschiebt sich das Sammelinteresse weiter weg von der jungen, glatten figurativen Malerei der späten 2010er. Was profitiert: Positionen mit konsequenter materieller Eigenheit. Eitempera-Praktiker, Impasto-Maler:innen, Pigment-Forscher:innen. Was leidet: die mittlere Schicht der polierten figurativen Malerei, die in den letzten Jahren über Instagram in die Galerien gewachsen ist. Das mittlere Marktsegment wird ausgedünnt — nicht durch eine Krise, sondern durch eine Verschiebung der Aufmerksamkeit.

Die nächsten zwölf bis achtzehn Monate werden zeigen, ob diese Verschiebung von Dauer ist. Drei Indikatoren: Erstens, das Frieze-New-York-Programm im Mai — wer wird hier von kleineren Galerien ins Top-Programm gezogen, wer fällt heraus. Zweitens, die institutionellen Solo-Debüts der Saison — sie zeigen, wo das kuratorische Urteil hingeht, lange bevor der Markt es nachvollzieht. Drittens, die Eitempera-Quote: Wenn diese ältere, langsame Technik in den nächsten Programmen weiter nach oben rückt, dann ist die Verschiebung strukturell. Der Frühling 2026 ist kein Höhepunkt. Er ist ein Beginn — eine Justierung des Bildes selbst.

Top-Galerie

Tunji Adeniyi-Jones

geb. 1992, London · Brooklyn · White Cube / Morán Morán

Tunji Adeniyi-Jones ist eine der präzisesten Positionen der jüngeren Generation, die Modernismus und nicht-westliche Bildgrammatik nicht als Kollision, sondern als Konsequenz behandelt. 2014 BFA an der Ruskin School of Art in Oxford, 2017 MFA in Painting and Printmaking an der Yale School of Art. White Cube vertritt ihn seit 2021, parallel arbeitet er mit Morán Morán. Seine Werke sind in den öffentlichen Sammlungen des Birmingham Museum of Art (Alabama), des Dallas Museum of Art und des Pérez Art Museum Miami. Eine Karriere, die nicht über Hype gebaut ist, sondern über institutionelle Verankerung.

Die Bildsprache speist sich aus dem, was er selbst „cultural addition, combination and collaboration“ nennt: die antike Geschichte Westafrikas, ihre Mythologie, sein Yoruba-Erbe — gefiltert durch die flachen, überlappenden Ebenen des Kubismus und das farbige papier découpé Matisses. Das Resultat sind Bilder mit kräftiger Farbgrundlage und einer eigenartigen Auflösungslogik: Die Figur wird gesetzt und dann durch Schicht für Schicht ins Bild zurückgenommen, bis sie mit dem Bildraum oszilliert. In der Soloschau Immersions bei White Cube Seoul (10. Januar – 22. Februar 2025) etwa arbeitete er mit blauviolett, rot und perlweiß — ein Palettenwechsel, der den Nebel und Dunst Seouls und die symbolische Bedeutung von Weiß in der koreanischen Kultur aufnahm.

Was diese Position für eine expressiv-abstrakte Praxis interessant macht: die Kontrolle über die Auflösung der Figur. Adeniyi-Jones zeigt, dass figurale Setzung nicht im Gegensatz zur abstrakten Bildlogik stehen muss. Die Figur ist ein Generator, kein Endpunkt. Die Bewegung — vom kompositorischen Ankerpunkt zur ornamentalen Ebene — ist Modell für jeden, der figurative Spuren in einer abstrahierenden Praxis halten will.

Top-Galerie

Hilary Pecis

geb. 1979, Fullerton, Kalifornien · Los Angeles · Timothy Taylor / David Kordansky

Hilary Pecis ist eine Acryl-Malerin im strengen Sinn: Stillleben, Interieurs, Landschaften. Subjekte, an denen sich der gegenwärtige figurative Konsens für gewöhnlich abarbeitet, ohne sie wirklich zu lösen. Pecis löst sie. 2006 BFA, 2009 MFA am California College of the Arts in San Francisco. Vertreten von Timothy Taylor in London und David Kordansky. Sammlungen: National Gallery of Art Washington, LACMA, Columbus Museum of Art, Palm Springs Art Museum, Aïshti Foundation Beirut. Die Liste liest sich nüchtern, was passt — Pecis ist eine Malerin, die sich nicht selbst inszeniert.

Ihre Methode: Ausgangsmaterial ist das eigene Smartphone. Foto auf Foto, häuslicher Innenraum, urbane Straße, Wanderpfad. Aus dem fotografischen Befund baut sie auf der Leinwand kaleidoskopische Kompositionen, in denen jede Bildebene — Tisch, Fenster, Vorhang, Buchrücken — ihre eigene Farbigkeit beansprucht. Die Bilder sind nicht nostalgisch. Sie sind Inventar. Eine Methode, das Alltägliche so genau anzusehen, dass es seine Beiläufigkeit verliert. Bakery Display (2025) etwa: ein Bäckereisortiment in pastellsaturierten Rechtecken, Glas, Reflexion, jede Vitrinenscheibe ein Bildausschnitt.

Für eine expressive Praxis ist Pecis eine Lehre in Komposition. Die Bilder wirken spontan, sind aber strikt durchstrukturiert. Sie zeigt, wie weit man Acryl pushen kann, ohne in die digitale Ästhetik abzurutschen — die Pinselfläche bleibt sichtbar, die Farbe bleibt physisch. Das ist die eigentliche Kunst: Glätte zu vermeiden, ohne in Manier zu kippen.

Top-Galerie

Jenna Gribbon

geb. 1978, Knoxville, Tennessee · Brooklyn · MASSIMODECARLO / David Kordansky / Lévy Gorvy Dayan

Jenna Gribbon arbeitet entlang einer der ältesten Fragen der Malerei — wer schaut wen an, und welche Macht steckt in diesem Blick. 2001 BFA an der Lamar Dodd School of Art der University of Georgia, 2019 MFA am Hunter College. Vertretung mittlerweile bei MASSIMODECARLO, David Kordansky und Lévy Gorvy Dayan — eine Konstellation, die die Position deutlich oberhalb der mittleren Marktebene verortet. Sammlungen: Brooklyn Museum, Museum of Fine Arts Boston, Dallas Museum of Art, SFMOMA, Kunstmuseum Den Haag, Collezione Maramotti, MAMCO Genf, New Orleans Museum of Art.

Die Sujets sind eng: ihre Partnerin (die Musikerin Torres), enge Freund:innen, häusliche Konstellationen, das Atelier. Die Methode: die historische Praxis des Frauenbildes — von der Akademie bis zum Pin-up — wird umgekehrt. Statt Frauenkörper als Objekt eines männlich konstruierten Blicks erscheinen sie als selbstbewusste Subjekte einer intimen Beziehung. Die Lichtsetzung ist dabei oft die treibende Geste: dramatisch, fast bühnenartig, mit deutlich gesetzten Schatten. Rainbows in Shadows (MASSIMODECARLO Mailand 2025) etwa: enge Bildausschnitte, knappe Lichtinszenierung, die Figur taucht aus dem Halbdunkel.

Was Gribbon für eine expressive Praxis interessant macht, ist nicht der Inhalt, sondern die Lichtlogik. Sie zeigt, wie weit man eine konventionelle Bildform — das Bildnis im Innenraum — durch eine konsequente Lichtbehandlung neu öffnen kann. Das Bild lebt von dem, was im Schatten verschwindet. Eine direkte Lehre für jede expressive Praxis: Was du nicht zeigst, bestimmt das, was du zeigst.

Institution

Rita Ackermann

geb. 1968, Budapest · New York · Hauser & Wirth

Rita Ackermann steht für eine Praxis, die in der jetzt einsetzenden Materialwende nicht erst ankommen muss — sie ist schon dort. 1989 bis 1992 Studium an der Universität für Bildende Kunst in Budapest, bei dem ungarischen Maler Károly Klimó. 1992 Übersiedlung nach New York, weitere Studien an der New York Studio School of Drawing, Painting and Sculpture (Hanes Family Foundation). Vertretung Hauser & Wirth. Ihr Frühwerk — Konturlinie, halbtransparente Körper, eine Poetik des angeschnittenen Bildes — hat eine ganze Generation post-punk-figurativer Maler:innen geprägt, lange bevor der Begriff zirkulierte.

Die jüngste Position lässt sich an Doubles ablesen — ihre erste Soloschau bei Hauser & Wirth in Paris (11. Juni – 4. Oktober 2025). Eine neue Werkreihe, mit Bezugnahme auf Jean-Luc Godard und Paul Virilio. Schwarzweiß-Linienzeichnungen werden im Siebdruck auf Leinwand übertragen, dann mit Pigmentschmieren in Kobaltblau, Blutrot, tiefem Grün überlagert. Doubles 8 (2025) zeigt ruhende weibliche Figuren am Wasser, fragmentiert durch farbige Eingriffe. Das „Doppel“ ist Methode und Inhalt: das Bild gegen sich selbst, die historische Bildquelle gegen die malerische Geste, die Figur gegen ihre Spur.

Was Ackermann seit über drei Jahrzehnten vorführt, ist eine Praxis, in der das Bild nie fertig ist und nie sauber bleibt. Schichten werden gelegt, gelöscht, überschrieben. Die Figuren erscheinen nicht als Resultat, sondern als Spur durch den Bildprozess. Wer in einer expressiv-abstrakten Praxis mit figurativen Resten arbeitet, findet hier eine Position, die diese Spannung seit den Neunzigern kontinuierlich durchdacht hat.

Emerging

Anys Reimann

geb. 1965, Düsseldorf · Düsseldorf · VAN HORN

Anys Reimann ist die deutsche Position der Ausgabe, und sie steht für ein Modell, das im aktuellen Galerienbetrieb selten geworden ist: spätes Studium, langer Vorlauf, dann der institutionelle Durchbruch. Geboren 1965 in Düsseldorf, aufgewachsen im Ruhrgebiet — Tochter einer ostpreußischen Mutter und eines aus Guinea stammenden Vaters. Studium der Bildhauerei und Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Thomas Grünfeld, mit Mitte vierzig begonnen, 2020 als Meisterschülerin abgeschlossen. 2023 Förderpreis für Bildende Kunst der Stadt Düsseldorf. Galerievertretung: VAN HORN, Düsseldorf.

Ende April 2026 eröffnet ihre erste museale Einzelausstellung — Mirrorball an der Weserburg in Bremen. Eine Aufstellung, die Reimanns Spannweite sichtbar macht: großformatige Collage-Malerei mit Porträts Schwarzer Frauen, enigmatische Lederobjekte, Spiegelarbeiten, Körperabgüsse mit geballten Fäusten. Eigens für Bremen entstand zudem ein begehbarer schwarzer Garten — ein Inselarchipel mit ausschließlich schwarzblühenden Pflanzen, multisensorisch (auch olfaktorisch) inszeniert. Die Bildfindung ist intuitiv und kulturhistorisch zugleich, oft entlang popkultureller Referenzen, immer mit der Frage nach Identität, Repräsentation und Körper als Trägermedium.

Was Reimann für eine expressive Praxis lehrt, ist die Souveränität, mehrere Materialien und Bildformen gleichzeitig zu führen. Collage, Malerei, Skulptur, Olfaktorisches — keine Sparte ist Ornament. Alles ist Argument. Die Lehre für eine eigene, ausschließlich malerische Praxis: das Werk muss seine eigenen Spannungen aushalten können, und es muss bereit sein, sie nicht zu glätten.

Verlorene und wiedergefundene Konturen

Eine fundamentale Technik der figurativen wie abstrakten Malerei, die das Auge des Betrachters in das Bild zieht statt es an seiner Oberfläche zu halten. Die Idee ist alt — Diego Velázquez bereits beherrschte sie souverän, John Singer Sargent baute sein gesamtes Œuvre darauf, Francis Bacon und Willem de Kooning übersetzten sie in eine moderne, expressive Bildlogik. Das Prinzip: Eine Form wird nicht durch eine durchgehende Kontur definiert. Sie wird abwechselnd gefunden (scharf, klar, hart vom Hintergrund abgesetzt) und verloren (in den Nachbarton eingerührt, weichgezogen, oder vollständig im Hintergrund aufgelöst). Das Resultat ist ein Bildraum, der atmet — die Form wird nicht abgegrenzt, sondern angedeutet. Das Auge muss sie selbst vervollständigen.

Diese Technik hat im aktuellen Stilumfeld besondere Relevanz: Wo Tunji Adeniyi-Jones Figuren in den Bildraum dissolvieren lässt, wo Rita Ackermann Linien überlagert und auflöst, wo selbst Jenna Gribbons starke Lichtsetzung von verlorenen Schattenkanten lebt — überall arbeitet im Hintergrund dasselbe Prinzip. Es ist eine der wenigen Techniken, die figurative und abstrakte Praxis verbindet, statt sie zu trennen. Wer großformatig und expressiv arbeitet, wird hier eine Methode finden, die Bildoberfläche zu öffnen, ohne die Form zu verlieren.

Material: Öl oder Acryl, mittelgroße Borstenpinsel (No. 8–14), ein weicher Maderpinsel oder eine saubere Lappenecke zum Verziehen, Palettmesser, ein Mediums-Set (Leinöl, Terpentin), eine Skizzenkohle.

01
Tonwertplan zuerstVor jedem Pinselstrich: Reduziere das Motiv mental oder skizzenhaft auf drei Tonwerte — hell, mittel, dunkel. Die Grenzen zwischen diesen Werten sind die Stellen, wo später die gefundenen Kanten sitzen werden. Die Übergänge zwischen ähnlichen Werten werden die verlorenen Kanten.
02
Massive Anlage in mittlerem WertBeginne mit einer Untermalung in einem mittleren Tonwert (Imprimatur). Lege die Hauptmassen in groben Lasuren an, ohne Konturen zu setzen. Zunächst geht es nur um Volumen und Lichtverteilung — keine Linien, keine Kanten. Die Leinwand soll nach diesem Schritt bereits eine Bildstimmung tragen.
03
Konturen klassifizierenTritt zurück. Identifiziere die Bildstellen, an denen das Auge sich orientieren muss — Augen, Hände, Silhouette gegen Hintergrund, eine Lichtkante. Markiere diese mental als „hart“. Alle übrigen Übergänge sind Kandidaten für „weich“ oder „verloren“. Faustregel: Maximal 30 Prozent der Konturen sollten am Ende hart sein. Mehr macht das Bild stumpf.
04
Verlorene Konturen schaffenHier liegt die eigentliche Arbeit. Lade den Pinsel mit dem Hintergrundton, wische damit über die Stelle, wo eine Form an den Hintergrund stößt. Die Kante wird verschluckt. Alternativ: Mische Form- und Hintergrundton zu einem Zwischenwert und ziehe ihn präzise über die Grenze. Ziel ist nicht Unschärfe, sondern Verschmelzung — die Form wird einen Moment lang unfindbar. Wenn das gelingt, beginnt das Bild zu atmen.
05
Wiedergefundene Konturen schärfenErst jetzt setzt du die harten Kanten. An den vorher markierten 30 Prozent: Pinsel mit dem stärksten Tonwertunterschied laden, Kante präzise und mit Druck setzen. Diese harten Stellen werden zu Anker, an denen das Auge im sonst aufgelösten Bild Halt findet. Wichtig: Wenig hilft hier viel. Eine zu scharfe Kante kann das ganze System kippen.
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Spiegel- und DistanztestMindestens drei Meter zurück. Optional: Bild im Handyspiegel oder per Kamera ansehen — der vertraute Blick wird gestört, und Konturen, die noch zu hart sitzen, springen sofort heraus. Wo das Auge stockt, ist die Kante zu fest. Wo das Auge gar nicht hinkommt, fehlt eine. Korrigiere — und wiederhole den Distanztest. Maximal drei Korrekturzyklen, dann wird das Bild müde.

Erwartetes Ergebnis: Ein Bild, das aus der Distanz klar lesbar bleibt, aus der Nähe aber Auflösungszonen zeigt — Stellen, an denen die Farbe einfach Farbe ist und keine Form mehr trägt. Genau dort wird das Bild lebendig. Die verlorenen Konturen sind nicht Versteck, sondern Methode: Sie zwingen das Auge, sich seinen eigenen Weg durch das Bild zu suchen — und genau das macht den Unterschied zwischen einer abgemalten und einer gemalten Figur.

Oldenburg

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte / Augusteum

Plakat — Kunst aus dem Landesmuseum Oldenburg

31. Januar – 21. Juni 2026

Eine selten gezeigte Sammlung von rund 3.000 Künstlerplakaten der Nachkriegszeit, in zweijähriger Forschungsarbeit aufgearbeitet („Please Post! Die Plakatsammlung des Landesmuseums Oldenburg“, gefördert von zukunft.niedersachsen). Die Schau im Bibliotheksflügel des Schlosses kombiniert die Plakate mit Grafik, Skulptur und Malerei der gleichen Periode. Vertreten sind Oskar Kokoschka, Emil Schumacher, Ernst Wilhelm Nay und Günter Fruhtrunk — eine kuratorische Aufstellung, die zeigt, wie sich nach 1945 in Westdeutschland eine eigene Bildkultur formiert hat, deren Plakatgrafik bis heute unterschätzt ist.

Bremen

Weserburg Museum für moderne Kunst

Anys Reimann. Mirrorball

2. Mai – 4. Oktober 2026

Eröffnung 30. April 2026

Erste museale Einzelausstellung der Düsseldorfer Künstlerin Anys Reimann (geb. 1965). Die Schau bringt großformatige Collage-Malerei, Lederobjekte, Spiegelarbeiten und Körperabgüsse zusammen — Reimann arbeitet entlang der Spannungen zwischen Identität, Körper und kultureller Repräsentation, mit besonderem Fokus auf Porträts Schwarzer Frauen. Eigens für Bremen entstand ein begehbarer schwarzer Garten: ein Inselarchipel mit ausschließlich schwarzblühenden Pflanzen, multisensorisch (auch olfaktorisch) inszeniert. Die Eröffnung am 30. April markiert den Punkt, an dem eine spät begonnene, ungewöhnlich konsequente Position institutionellen Boden findet.