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← Archiv No. 08 · April 2026 Was die Kunst weiß. Archiv

Markt & Preise

Die Mitte schrumpft, die Spitze hält

Der Art Basel and UBS Global Art Market Report, in seiner zehnten Ausgabe Anfang April 2026 erschienen, beschreibt einen globalen Kunstmarkt, der nach zwei schwierigen Jahren wieder leicht wächst — geschätzte 59,6 Milliarden US-Dollar im Auswertungsjahr 2025, ein Plus von vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Wachstum ist allerdings ungleich verteilt. Während der Auktionssektor und die obersten Preisstufen zulegen, stagniert der Handel der Galerien für zeitgenössische und ultra-zeitgenössische Kunst: 94 Prozent aller Auktionsumsätze fanden 2025 unterhalb der Eine-Million-Marke statt, und der spekulative „wet paint"-Markt für Maler:innen ohne Sekundärmarkthistorie hat sich faktisch aufgelöst. Geld fließt zurück in die geprüften Namen.

Die Ergebnisse der Frühjahrsauktionen bestätigen die Verschiebung. Sotheby's Paris brachte am 16. April einen seit 115 Jahren in privater Hand verbliebenen Monet — „Les Îles de Port-Villez" — für 6,5 Millionen Euro zu. Auf der Art Basel Hong Kong, die Ende März mit 91.500 Besucher:innen geschlossen wurde, führte David Zwirner mit einer Liu-Ye-Arbeit von 2006 für 3,8 Millionen US-Dollar und einer Marlene-Dumas-Leinwand für 3,5 Millionen US-Dollar. Mamma Anderssons neue Position ging für 400.000 US-Dollar, ein Lucas-Arruda-Gemälde für 250.000 US-Dollar — solide, aber kein Hype mehr. Der Markt liest sich wie eine vorsichtige Bilanz: konsolidierte Karrieren, weniger Risiko, mehr Tiefe pro verkauftem Werk.

Im Kommen

Names to Watch

Geboren 1996 in Daegu, Südkorea, aufgewachsen in Utah, lebt in Brooklyn. Seit 2022 von Blum (vormals Blum & Poe) vertreten, im März 2025 zusätzlich von Lehmann Maupin als jüngste Künstlerin im Programm signiert. Park arbeitet überwiegend mit Kohle, gelegentlich mit Tinte und Acryl, in einem Format, das zwischen Großzeichnung und Malerei changiert. Ihre wirbeligen Tableaus aus amerikanischen Versatzstücken — Fast Food, Glücksspiel, Konsumikonen — bewegen sich präzise an der Schwelle zwischen Figuration und Gestus. Solo am Aldrich Contemporary Art Museum 2024.

Geboren 1993 in den USA, lebt in London. Vertreten von Michael Werner und Carlos/Ishikawa. Wood malt in einer eigentümlich altmeisterlichen Manier auf gerippten Stoffen, oft auf samtartigem Untergrund — Stillleben aus Familienporzellan, Autoinnenräumen, Schmuckstücken, dargestellt mit der Gravität eines Vanitas-Bildes und der Distanz einer Werbeauflage. Ihre 2025er Schau „Wet Reckless" bei Michael Werner Beverly Hills (15. Februar–17. Mai) konsolidiert eine Position, die sich nicht über Geschwindigkeit, sondern über Genauigkeit definiert.

Geboren 1995 in Calgary, Alberta, lebt in New York. BFA an der Rhode Island School of Design 2017. Seit Mai 2022 weltweit von Gagosian vertreten. Ihre Bezugsmasse — Holländische Malerei des 17. Jahrhunderts, John Currin — ist offenkundig, der Einsatz aber eigenständig: dunkel grundierte Leinwände, in denen Frauenfiguren in eingefrorenen Gesten eines weißen, popkulturell aufgeladenen Theaters posieren. Erste museale Einzelausstellung 2025 am Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid, im Dialog mit der historischen Sammlung des Hauses.

Geboren 1982 in Dunfermline, Schottland. Glasgow School of Art und Royal College of Art London. Vertreten von Stephen Friedman, London. Walker arbeitet konsequent in einem Genre, das die Gegenwartsmalerei für gewöhnlich umgeht: das soziale Tafelbild. Ihre Serien — Friseurinnen, Hauspflegerinnen, Migrantinnen, Mütter — sind nicht dokumentarisch, sondern atmosphärisch verdichtet, in einer Farbgebung zwischen Vermeer und Polaroid. „Mothering" am Hepworth Wakefield (bis 27. Oktober 2025), Tournee an die Pallant House Gallery Chichester ab 22. November 2025. Eine großformatige Auftragsarbeit für Art on the Underground im Bahnhof Stratford ist für September 2026 angekündigt.

Stil & Material

Was die Leinwand gerade trägt

Die Materialdebatte hat sich verschoben. Die wachsende Verbreitung dreidimensionaler Texturen — Sand, Quarzgrundierung, Wachs, Stoffeinschlüsse, Folien, Blattgold und Blattkupfer — ist kein Mode-Effekt, sondern eine Antwort auf die Bilderflut: Malerei reklamiert Körper, weil das digitale Bild keinen hat. Babette Semmer (im Oldenburger Kunstverein bis Mai 2026) trägt ihre fotorealistischen Motive auf mit Quarzsand grundierte Leinwände — die Körnung erinnert an analoge Fotografie, ohne deren Reproduktion zu sein. Henni Alftan zieht Farbflächen so flach zusammen, dass die Hand verschwindet. Daniel Crews-Chubb verklebt Stoffe und Pastell mit Öl. Das Spektrum ist breit, aber die Richtung gemeinsam: Malerei als Objekt, nicht als Bildschirm.

Bei den Farbpaletten dominieren zwei gegensätzliche Haltungen. Auf der einen Seite die erdigen, getrübten Töne — Ton, Ocker, Moosgrün, Terrakotta — eine Reaktion auf das überreizte Bunt der späten 2010er-Jahre und auf die ökologische Selbstverortung vieler Maler:innen. Auf der anderen Seite ein neues, aggressiv synthetisches Spektrum: Neongrün, Säuregelb, kaltes Violett, Eisblau. Marlene Dumas hat im November 2025 ihre Louvre-Auftragsarbeit „Liaisons" in genau diesem Register angelegt — fluoreszierende Grüns auf Augenhöhe mit der Zugewandtheit ihrer Gesichter. Dazwischen behauptet sich die Grauzone: Tobias Pils' monochrome Kompositionen, Mohammed Samis ungelüftete Innenräume, eine Generation, die das Ungefähre wieder schätzt.

Was historisch neu verhandelt wird, ist die Untermalung. Grisaille, Imprimatura, das alte Repertoire der getönten Vorbereitung — Techniken, die in der Postmoderne als akademisch galten — kehren zurück, weil sie Tiefe ohne Effekt erzeugen. Was endgültig out ist: das ungebrochen flächige Acryl der frühen 2010er-Jahre, der photoshop-flache Insta-Look, die NFT-Ästhetik. Was kommt: Schichtungen, in denen Zeit sichtbar bleibt.

Essay

Die langsame Rückkehr des Bildes

Der zentrale Befund der Saison 2026 ist nicht das Wachstum — vier Prozent gemittelt sind kein Triumph — sondern die Verschiebung der Aufmerksamkeit. Die ultra-zeitgenössische Sammelpraxis, die zwischen 2018 und 2022 den Markt durchgeschüttelt hat, ist statistisch erschöpft. Die Käufer:innen verteilen ihr Kapital nicht mehr breit über junge Positionen, sondern verdichten es um wenige Namen, die institutionell verbürgt sind. Das ist keine Romantik der Tradition — es ist ein Ermüdungseffekt. Der Markt hat nach zwei Jahren des Spekulierens eine Entscheidung getroffen: Tiefe statt Geschwindigkeit.

Bemerkenswert ist, was diese Entscheidung mit der Malerei selbst macht. Die institutionelle Spitze — Sami im Tate, Dumas im Louvre, Pils in der Pinakothek — wird nicht primär über das Werk entdeckt, sondern über das Kuratorium konsekriert. Eine Maler:in muss mittlerweile in mehreren Kollektionen verankert sein, bevor der Auktionsmarkt überhaupt anfängt, sie zu rezipieren. Das verschiebt das Tempo: Die schnelle Karriere wird seltener, die langsame Karriere normaler. George Rouy, Sasha Gordon, Anna Park — alle drei sind 2024/2025 von Mega-Galerien signiert worden, aber jeweils im Verbund mit kleineren Galerien, die ihre Entwicklung über Jahre begleitet haben. Das „Collective Impact"-Modell, das Hauser & Wirth im April 2024 eingeführt hat, ist die strukturelle Konsequenz dieses Tempowechsels.

Der zweite Befund betrifft die Geographie. Die zehn teuersten Lose des Jahres 2025 wurden ausnahmslos in New York verkauft — eine bemerkenswerte Konzentration, die das Narrativ vom global verteilten Markt korrigiert. Hong Kong wuchs in der Zwischenzeit nicht über die Spitze, sondern über die Mittelklasse: dichte Verkäufe zwischen 250.000 und 1,1 Millionen US-Dollar. Frieze New York im Mai wird die nächste Probe sein, mit einem Fokus auf Lateinamerika, der die Verschiebung weg von einer einzigen, zentral gesteuerten Marktordnung weiter vertieft.

Wer in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten in der Malerei etwas zu sagen haben wird, wird es leiser sagen. Die Aufmerksamkeit hat sich nicht aus dem Medium zurückgezogen — Malerei bleibt mit 43 Prozent aller Auktionslose das stärkste Segment — aber sie hat ihren Maßstab verändert. Die nächste Generation muss nicht beweisen, dass sie laut ist; sie muss beweisen, dass sie hält. Das ist eine andere Aufgabe als 2021, und sie ist anspruchsvoller.

Marlene Dumas

geb. 1953, Kapstadt · Amsterdam · David Zwirner / Frith Street Gallery / Zeno X Gallery

Marlene Dumas zählt seit Mitte der 1990er-Jahre zu den prägenden Stimmen der figurativen Malerei und ist im November 2025 die erste zeitgenössische Künstlerin geworden, deren Werk dauerhaft in die Sammlung des Louvre eingeht. Ihr neunteiliges Wandbild „Liaisons", an der Porte des Lions im Vorraum zur Galerie der fünf Kontinente installiert, ist ein Auftragswerk in einem Register, das ihre Arbeit konsequent durchzieht: Gesichter, gegossen aus Ölfarbe direkt auf Leinwand, bevor die Schichten trocknen mit Pinsel und Hand nachgezogen, in einem chromatischen Spektrum, das von Neongrün bis zu fluoreszierendem Gelb reicht.

1972–1975 Studium der Malerei an der University of Cape Town, anschließend Übersiedlung in die Niederlande, wo sie 1976–1978 bei Ateliers '63 in Haarlem und 1979–1980 Psychologie an der Universität Amsterdam studiert. Seit 2008 weltweit von David Zwirner vertreten. Ihre Arbeiten sind in den Sammlungen von Centre Pompidou Paris, Tate London, MoMA New York, San Francisco Museum of Modern Art, Stedelijk Museum Amsterdam, Fondation Beyeler Basel, Museum für Moderne Kunst Frankfurt, Art Institute of Chicago und Los Angeles County Museum of Art. 2008–2009 zeigt das MoMA die Retrospektive „Measuring your Own Grave", 2014–2015 reist „The Image as Burden" vom Stedelijk an die Tate Modern und nach Basel. Eine Position, die das Bild nicht als fertige Mitteilung versteht, sondern als das, was an einem Gesicht haften bleibt, nachdem die Erinnerung sich entzogen hat.

INSTITUTION

Mohammed Sami

geb. 1984, Bagdad · London · Modern Art / Luhring Augustine

Mohammed Sami arbeitet an einer Malerei, die sich der direkten Bildaussage entzieht. Seine großformatigen Leinwände zeigen ungelüftete Innenräume, verhängte Fenster, Vorhänge, die einen leeren Raum andeuten, gelegentlich Möbel ohne Bewohner — Komposition als Spurenlesen einer abwesenden Gewalt. 1984 in Bagdad geboren, Studium an der Hochschule für Bildende Künste Bagdad bis 2007, anschließend Ministerium für Kultur, im selben Jahr Emigration nach Schweden. 2016 BA an der Belfast School of Art, Ulster University, 2018 MFA am Goldsmiths College London, wo er heute lebt und arbeitet.

Vertreten von Modern Art in London und Luhring Augustine in New York. Sammlungen: Tate London, Museum of Modern Art New York, Metropolitan Museum of Art New York, Centre Pompidou Paris, Los Angeles County Museum of Art, San Francisco Museum of Modern Art, Carnegie Museum of Art Pittsburgh, ICA Miami, MAMCO Genf, Buffalo AKG, Imperial War Museum London, Arts Council Collection London, Government Art Collection, York Art Gallery und Moderna Museet Stockholm. 2023 erste institutionelle Einzelausstellung in Großbritannien — „The Point Zero" am Camden Art Centre London und am De La Warr Pavilion in Bexhill-on-Sea. 2024 die Soloschau „After the Storm" in Blenheim Palace, Woodstock, mit vierzehn neuen Arbeiten, die Räume und Sammlungen des Schlosses mit der Geschichte des Irak-Kriegs in Verbindung setzten. 2025 Nominierung für den Turner Prize.

INSTITUTION

Henni Alftan

geb. 1979, Helsinki · Paris · Karma / Sprüth Magers

Henni Alftan malt in einer Sprache, die sich aus dem Gegensatz zur eigenen Tradition entwickelt. Ihre Bilder sind figurativ, aber sie verzichten auf Erzählung, sie sind detailliert, aber sie verzichten auf Anekdote, sie sind glatt, aber das ist eine Glätte, die dem Auge keine Ruhe gibt. Studium 2001 an der Villa Arson in Nizza, MFA 2004 an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts de Paris. Lebt seither in Paris.

Vertreten von Karma in New York und Los Angeles sowie von Sprüth Magers in Berlin, London und Los Angeles. Ihre Arbeiten befinden sich in den Sammlungen des Hammer Museum Los Angeles, Dallas Museum of Art, ICA Miami, Helsinki Art Museum, Amos Rex Helsinki, EMMA Espoo Museum of Modern Art und Kuntsi Museum of Modern Art Vaasa. Ein Werk wie „The Golden Age" (2020, Öl auf Leinwand, 162 × 130 cm, ICA Miami) zeigt das Verfahren: ein eng beschnittenes Detail aus dem Alltag — ein Vorhang, ein Streifen Sonne, ein Stoff — gemalt mit einer wirtschaftlichen Klarheit, die zwischen Pop und Stillleben oszilliert. Die Solo-Schau „Stop Making Sense" bei Karma in New York (November 2024–Januar 2025) und „Visitor" in Los Angeles (März–April 2026) konsolidieren eine Position, die ihren Wert nicht über Geste, sondern über Disziplin gewinnt.

TOP-GALERIE

Tobias Pils

geb. 1971, Linz · Wien · Galerie Eva Presenhuber / Capitain Petzel

Tobias Pils ist die deutschsprachige Position dieser Ausgabe und steht für eine Praxis, die ihren Wert aus der Reduktion gewinnt. Seine Bilder sind fast ausschließlich in Schwarz, Weiß und in einer Skala von Grautönen gehalten, die zwischen dem Streifen einer Bleistiftspur und der Schwere einer Wand changiert. Studium 1990–1994 an der Akademie der bildenden Künste Wien. Lebt und arbeitet in Wien.

Vertreten von der Galerie Eva Presenhuber in Zürich und Wien sowie von Capitain Petzel in Berlin. Seine Arbeiten waren am mumok Wien (2021 und in der Soloausstellung „Shh" 2025), an der Pinakothek der Moderne München (2020), am Musée Picasso Paris (2020), am Kunstmuseum Bonn (2020), an der Aspen Art Museum (2018), an der Wiener Secession (2013), an Le Consortium Dijon (2017–2018), an der Chinati Foundation Marfa (2016) und am Nationalen Kunstmuseum Beijing (2010) zu sehen. 2020 wurde sein großformatiges Wandfresko „Alpha, Omega & Infinity" im Renzo-Piano-Bau der École Normale Supérieure Paris-Saclay enthüllt — ein seltenes zeitgenössisches Beispiel architekturgebundener Malerei in nicht-religiösem Kontext. Pils malt mit einer Klarheit, die das Bild nicht aufschließt, sondern verlässlich verschlossen hält.

TOP-GALERIE

Ewa Juszkiewicz

geb. 1984, Gdańsk · Warschau · Gagosian / Almine Rech

Ewa Juszkiewicz arbeitet an einer Praxis, die das alte Frauenporträt nicht abschafft, sondern destruiert von innen. Ihre Methode ist konsequent: Sie wählt eine konkrete Vorlage aus der europäischen Porträtmalerei zwischen Renaissance und neunzehntem Jahrhundert, übernimmt deren maltechnische Sprache und ersetzt das Gesicht durch eine surreale Verstörung — Stoffwülste, dichte Haarknoten, Pflanzen, Früchte, geometrische Formen. Was bleibt, ist die historische Pose; was kippt, ist die Identität, die diese Pose tragen sollte. 2009 MA in Malerei an der Akademie der bildenden Künste Gdańsk, anschließend Promotion an der Akademie der bildenden Künste Krakau.

Seit 2019 von Almine Rech vertreten, seit 2021 zusätzlich von Gagosian. Mit „Locks with Leaves and Swelling Buds" (Palazzo Cavanis, Venedig, 20. April–1. September 2024) als Collateral Event der 60. Biennale di Venezia hat sie ihren institutionellen Status auf europäischem Niveau verankert: fünfzehn Arbeiten aus den Jahren 2019–2024, im Dialog mit der historischen Architektur, kuratiert von FABA. Im Dezember 2025 zeigte Gagosian Gstaad „The Omnipotence of Dreams" mit eigens für die Schau gemalten Arbeiten. 2014 wurde sie in Thames & Hudsons Übersichtsband „100 Painters of Tomorrow" aufgenommen, eine der frühen kuratorischen Bestätigungen einer heute deutlich gefestigten Position.

TOP-GALERIE

Technik der Ausgabe

Sgraffito — Das Freilegen der unteren Schicht

Sgraffito ist eine der ältesten und zuverlässigsten Techniken der Malerei: das gezielte Aufkratzen einer noch feuchten oder noch frischen oberen Farbschicht, um eine darunter liegende, kontrastierende Schicht freizulegen. Der Name stammt aus dem italienischen sgraffire — kratzen — und bezeichnet ursprünglich eine Technik der Wandmalerei der Renaissance, in der eine helle, mit Kalkmilch geschlämmte Putzschicht über eine zuvor mit dunklem Pigment getönte Grundschicht aufgetragen und partiell wieder abgekratzt wird. In der Tafel- und Leinwandmalerei wird das Verfahren auf Öl, Acryl und Mischtechniken übertragen, mit denselben Prinzipien: zwei oder mehr Schichten in unterschiedlichen Tönen, Trocknungszeiten als Steuerungsinstrument, das Werkzeug als Zeichen.

In der Gegenwart ist Sgraffito eine Konstante professioneller Praxis. Cy Twombly hat ein ganzes Vokabular daraus entwickelt — die berühmten Linien seiner „Blackboard"-Bilder sind Spuren in einer noch nicht erstarrten oberen Lage. Mamma Andersson und Jockum Nordström nutzen die Technik auf Holzgrund, um den hölzernen Untergrund als Lichtquelle zurückzuholen. Mohammed Sami arbeitet in seinen verhängten Innenräumen mit feinen, fast unsichtbaren Sgraffito-Linien, um Stoffstrukturen und Schraffuren der Erinnerung anzudeuten. Bei Albert Oehlen ist das Sgraffito Teil eines Rhythmus aus Auftrag, Zerstörung und Neuauftrag — die Spur ist hier kein Detail, sondern das Verfahren selbst.

Material: zwei kontrastierende Farbschichten (Untergrund: dunkler Erdton wie Umbra, Sienna verbrannt, oder eine Bleischwarz-Mischung; Oberschicht: heller Ton, oft Titanweiß mit kleiner Pigmentbeimischung), Leinwand mit halbabsorbierendem Grund, Spachtel in zwei bis drei Stärken, Holzgriff einer alten Pinselrückseite, ein zugespitzter Bambusstab, ein Stück trockenes Naturholz, Lappen.

Ziel: ein Bild zu erzeugen, das in der oberen Schicht nicht abgeschlossen ist — die freigelegte untere Schicht trägt einen anderen zeitlichen Index als die obere und macht die Konstruktion des Bildes sichtbar, ohne sie zu erklären.

Schritte:

  1. Untergrund anlegen. Eine satte, durchgehende Grundschicht in Dunkelton auftragen (Öl: 2–3 Tage trocknen lassen; Acryl: 30–60 Minuten). Die Schicht muss vollständig durchgetrocknet sein, sonst vermischen sich die Farben beim Kratzen.
  2. Obere Schicht decken auftragen. Mit Pinsel oder Spachtel in einer Lage, die das Werkzeug noch deutlich aufnimmt — nicht zu dünn, nicht überarbeitet. Bei Öl mindestens 60–80 Minuten ankleben lassen, bis die Oberfläche eine matte, nicht mehr fließende Spannung hat (Test: leichter Fingerdruck hinterlässt eine Vertiefung, aber kein Verlaufen).
  3. Werkzeug wählen. Spachtel ergibt breite, beherrschte Spuren; Holzrücken eines Pinsels eine charaktervolle, mittelbreite Linie; Bambusstab oder Holzsplitter feine, unregelmäßige Linien. Werkzeuge mit harten Kanten ergeben klare Spuren, weiche Kanten erzeugen Verläufe.
  4. Kratzen. Konsequent in einer Bewegung durchziehen — Korrekturen sind nicht möglich. Druck variiert die Tiefe: leichter Druck deckt nur teilweise auf (eine optische Mischung beider Töne), starker Druck legt den Untergrund frei. Lappen für Werkzeugreinigung zwischen den Spuren.
  5. Stehen lassen. Die freigelegte Spur muss vor weiterer Bearbeitung mindestens 24 Stunden ruhen. Erst danach dürfen weitere Lasuren oder Übermalungen erfolgen.

Erwartetes Ergebnis: ein Bild mit einer offenen Suchspur, in dem das Verfahren als Zeit ablesbar bleibt. Die obere Lage ist nicht mehr undurchlässig — sie wird zur Membran. Sgraffito ist keine Korrekturtechnik, sondern eine Entscheidungstechnik: Was freigelegt wird, bleibt freigelegt, und das ist genau die Strenge, die der Malerei den Atem zurückgibt.

Oldenburg

Oldenburger Kunstverein

Babette Semmer — Die Zähmung

21. Februar – 10. Mai 2026

Erste große institutionelle Einzelausstellung der 1989 in London geborenen, heute in Berlin lebenden Malerin Babette Semmer. Ihre Bildsprache geht vom fotografischen Material aus — Jugendzeitschriften, Soaps, Internetforen, KI-generierte Bilder, private Aufnahmen — und überträgt das Material auf mit Quarzsand grundierte Leinwände. Die körnige Oberfläche evoziert analoges Filmgefühl, während die altmeisterliche Maltechnik zwischen Realismus und Impressionismus oszilliert. Studium an der Slade School of Fine Art in London und an der Städelschule Frankfurt.

Bremen

Weserburg Museum für moderne Kunst

Anys Reimann — Mirrorball

2. Mai – 4. Oktober 2026

Eröffnung: 30. April 2026, 19 Uhr

Erste museale Einzelausstellung der 1965 in Düsseldorf geborenen Künstlerin. Reimann arbeitet zwischen Malerei, Collage, Skulptur und Installation am Spannungsfeld von Identität, Körper und kultureller Repräsentation. Bekannt geworden ist sie vor allem für ihre Bildnisse Schwarzer Frauen — selbstbewusst, vielschichtig, herausfordernd. „Mirrorball" zeigt großformatige Collagen-Gemälde, rätselhafte Lederplastiken, Spiegel-Objekte und Körperabgüsse mit geballten Fäusten. Eigens für die Ausstellung entstand ein begehbarer schwarzer Garten — eine Insellandschaft mit ausschließlich schwarz blühenden Pflanzen, ergänzt um ortsspezifische Düfte.