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← Archiv No. 09 · Mai 2026 Was die Kunst weiß. Archiv

Markt & Preise

Die Mai-Saison wird zur Vertrauensprobe

Die New Yorker Mai-Saison 2026 ist die wichtigste Probe seit der Konsolidierung der vergangenen zwei Jahre. Sotheby's eröffnet am 14. Mai die „Now & Contemporary Evening Auction" mit Jean-Michel Basquiats Museum Security (Broadway Meltdown) aus dem Jahr 1983 — Schätzpreis „in excess of $45m". Das Werk war zuletzt 2013 bei Christie's London für 14,6 Millionen US-Dollar versteigert worden, eine Verdreifachung des damaligen Niveaus signalisiert mehr als eine Markterholung: Sie verschiebt die Bewertungsgrundlage einer ganzen Künstler:innen-Klasse aus den achtziger Jahren nach oben. Die Gesamtschätzung der Sotheby's-Abendauktion liegt nach Datenanbieter HENI bei bis zu 202,2 Millionen US-Dollar.

Christie's antwortet am 20. Mai mit der 21st Century Evening Sale und einem Verkauf, der über die Saison hinaus wirken wird: sieben Arbeiten Gerhard Richters aus den Jahren 1982 bis 2009, eingebracht aus der Sammlung der Galeristin Marian Goodman. Das Auftaktlos, Kerze (1982), trägt eine Schätzung zwischen 35 und 50 Millionen US-Dollar — der Lichtwerk-Komplex des Werks ist unter Sammler:innen seit Jahren rar. Ein Joan Miró derselben Wochen wird mit bis zu 35 Millionen US-Dollar aufgerufen, in Schlagdistanz zum Künstler-Auktionsrekord von 36,9 Millionen US-Dollar aus dem Jahr 2012, ebenso ein Andy Warhol mit 35 Millionen US-Dollar. Die Hong-Konger Spring Evening Sale Anfang März — von Christie's mit hundert Prozent verkauften Losen abgeschlossen — wurde von einem Richter Abstraktes Bild für 12 Millionen US-Dollar angeführt, ein zweites Indiz für eine Saison, in der Richter zur Leitwährung geworden ist. Sotheby's London hatte bereits seine Spring Modern & Contemporary Evening Sale mit einem White-Glove-Ergebnis von 175 Millionen US-Dollar geschlossen. Der Markt ist nicht euphorisch, aber er liest die Spitze wieder mit konzentrierter Aufmerksamkeit.

Im Kommen

Names to Watch

Geboren 1981, lebt und arbeitet in Beijing. Erstes UK-Solo bei Maddox Gallery London („Between Realms", 17. April – 15. Mai 2026). Vorausgegangene Soloausstellungen am Aurora Museum Shanghai (2025), Powerlong Art Museum Shanghai (2024), Osthaus Museum Hagen (2023), Kunstraum Villa Friede Bonn (2023), Guardian Art Center Beijing (2022) und am Today Art Museum Beijing (2009). Song malt in Öl, in einer hyperrealistischen Diktion, die nicht das digitale Bild reproduziert, sondern die Erschütterung beschreibt, die es bei seinen Betrachter:innen auslöst — post-biologische Identität, Körper, die zwischen Algorithmus und Bewusstsein schwanken. Eine der erkennbar in den asiatisch-westlichen Markt einrückenden Positionen der Gegenwart.

Geboren 1980 in Montreal, lebt in London. Seit 2022 von Hauser & Wirth (in Kollaboration mit Gió Marconi, Antenna Space und dépendance) vertreten, 2023 Gershon-Iskowitz-Preis (75.000 kanadische Dollar plus Solo an der Art Gallery of Ontario). Beteiligung an der 59. Biennale di Venezia 2022 („The Milk of Dreams"). Im Oktober 2026 öffnet das Montreal Museum of Fine Arts ihre erste große Heimat-Solo „Jeu d'esprit" — eine Ausstellung, die ihre figurative Praxis in einem Werkrückblick verankern wird. Katz' Bilder bauen ein eigentümliches Symbolarchiv auf: Hähne, Kohlköpfe, Münder, Aufzüge, Wiederkehrungen ihres eigenen Namens als Bildbestandteil.

Erste museale Einzelausstellung „Mirrorball" am Weserburg in Bremen, eröffnet am 2. Mai 2026, läuft bis 4. Oktober 2026. Geboren 1965 in Düsseldorf, lange Jahre außerhalb des institutionellen Aufmerksamkeitsraums. Das Bremer Solo zeigt großformatige Collage-Gemälde, Lederplastiken, Spiegelobjekte und einen begehbaren schwarzen Garten — ein eigens errichtetes Biotop aus ausschließlich schwarz blühenden Pflanzen, ergänzt durch ortsspezifische Düfte. Eine späte, jetzt entschiedene museale Ankunft, mit Konsequenzen für eine ganze Generation Schwarzer deutscher Maler:innen, deren institutionelle Resonanz bisher hinter ihrer Praxis zurückblieb.

Stil & Material

Hand, Schicht, Spur

Was sich seit Beginn des Jahres 2026 als Konstante durchzieht, ist die Verschiebung der Aufmerksamkeit weg vom fertigen Bild, hin zum Prozess der Entscheidung. Die Materialdebatte hat dafür neue Wörter gefunden: Chaoticism — eine bewusste Gegenrede zur überpolierten Abstraktion der späten 2010er-Jahre — und Textured Expressionism, der Putz, Harz und mixed media-Lagen über die Ölgrundlage zieht. Beide Etiketten sind kuratorisch unscharf, aber im Markt sortiert sich an ihnen, was als zeitgemäß durchgeht. Was beide eint: das Misstrauen gegen die geschlossene Oberfläche und die Vorliebe für sichtbare Werkzeugspuren.

Diese Verschiebung ist keine Stilmode, sondern eine ökonomische Reaktion auf die Bilderflut nach 2023. Sammler:innen suchen, was Zeit zeigt und was eine generative Bildmaschine nicht reproduzieren kann: Schichtungen mit unterschiedlichem Trocknungsindex, Kratzspuren, Pinselrücken, eingeschlossene Stoffe, fragmentarische Untermalungen. Die Werte verlagern sich vom Motiv zur Materialgeschichte. Anna Park und Issy Wood arbeiten mit feinster Kohle und Samt — beide schlicht analoge Mittel, die im digitalen Bild keine Entsprechung haben. Bei Adrian Ghenie liegt die Spur des Spachtels offen, bei Julie Mehretu die Mehrfach-Akkumulation aus Tinte und Acryl, bei Avery Singer paradoxerweise gerade die Distanz zur Hand: das Airbrush-Verfahren als zitierte Maschine, die zwischen Atelier und SketchUp-Modell vermittelt.

Bei den Farben dominiert weiterhin eine zweipolige Spannung: erdige, getrübte Töne — Ocker, Umbra, Moos, Terrakotta — und ein synthetisches Gegenspektrum aus Neongrün, Säuregelb und kaltem Eisblau. Die Mitte verliert. Was endgültig out ist: das Akkord-flach gemalte Acryl der frühen 2010er-Jahre, der photoshop-glatte Look, jede Form von dekorativer Buntheit. Was kommt: Bilder, an denen die Zeit ihrer Entstehung ablesbar bleibt.

Essay

Die Malerei kommt aus der Defensive

Die wichtigste Beobachtung dieser Saison ist nicht ein einzelner Auktionsrekord. Es ist die Tonlage. Nach zwei Jahren in der Defensive — niedrige Auktionsrenditen, Schließungen kleiner und mittlerer Galerien, eine deutlich verschobene Risikobereitschaft der Sammler:innen — verändert sich das Vokabular. Wo 2024 noch von „Korrektur" und „Marktbereinigung" die Rede war, sprechen die großen Häuser im Frühjahr 2026 von „Konsolidierung" und „selektiver Vertiefung". Diese Wörter sind nicht Werbung. Sie beschreiben eine reale Verschiebung: Geld kehrt in die Mitte des Marktes zurück, aber unter neuen Bedingungen.

Die erste Bedingung ist Tempo. Der spekulative Wet-Paint-Markt — Käufer:innen, die direkt aus dem Atelier zur Auktion durchreichen — hat sich faktisch aufgelöst. Was übrig bleibt, ist eine Ökonomie, in der Karrieren wieder über mehrere Jahre, mit institutionellen Stationen, mit kuratorischer Begleitung, mit kleineren Galerien als Gatekeepern aufgebaut werden. Die Mai-Auktionen, die in dieser Saison weniger Risikofreude als jemals seit 2014 zeigen, machen das sichtbar: Sotheby's setzt auf die Sammlung de Gunzburg, Christie's auf die Sammlung Marian Goodman, also auf Provenienz und kuratorische Filterung — nicht auf Entdeckung.

Die zweite Bedingung ist Material. Die Käuferseite verlangt seit dem Aufkommen generativer Bildmaschinen sichtbare Hand und sichtbare Zeit. Das ist mehr als nur eine Marktrhetorik: Es ist eine ästhetische Forderung, die in die Werke selbst zurückwirkt. Adrian Ghenies Spachtelarbeit, die nichts mehr verbirgt; Julie Mehretus Schichten aus Tinte, Acryl und Mesh, in denen Bewegungslogiken erkennbar bleiben; Allison Katz' wiederkehrende Symbole, die wie ein malerisches Tagebuch lesbar werden — alle drei verschiedenen Praxen teilen denselben Reflex: das Bild soll nicht glatt sein. Was nach Übergang aussieht, hat Bestand.

Die dritte Bedingung ist Geographie. Die Konzentration der zehn höchstdotierten Lose 2025 auf New York hat sich auch dieses Frühjahr fortgeschrieben. Dafür diversifiziert sich die Mittelklasse: Hong Kong wuchs 2026 nicht über die Spitze, sondern über Werke zwischen 250.000 und 1,2 Millionen US-Dollar. Frieze New York Anfang Mai mit verstärktem Lateinamerika-Fokus ist das nächste Probestück, der ART SG Auftakt Mitte Januar 2026 in Singapur war eines der ersten. Was in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten in der Malerei zu sehen sein wird, kommt nicht aus einer einzigen Quelle — und es kommt langsamer als 2021. Die nächste Generation muss nicht beweisen, dass sie laut ist. Sie muss beweisen, dass sie hält. Das ist die anspruchsvollere Aufgabe.

Adrian Ghenie

geb. 1977, Baia Mare · Berlin / Cluj-Napoca · Pace Gallery / Thaddaeus Ropac

Adrian Ghenie ist eine der wenigen Maler:innen seiner Generation, die sich konsequent nicht des Pinsels bedient. Seine großformatigen Ölbilder entstehen mit Spachtel und Schablone, in einem Wechsel aus aggressivem Auftrag und kontrollierter Schliffspur, der den Bildraum gleichzeitig öffnet und verstellt. Die Methode wird in Kritiken regelmäßig als Synthese aus barocker Chiaroscuro-Tradition, abstrakt-expressionistischer Gestik und einer Dada-nahen Bildmontage beschrieben — eine Position zwischen klassischer Maltechnik und Zerstörung des Tableaus.

Geboren 1977 in Baia Mare, Abschluss an der Universität für Kunst und Design Cluj-Napoca im Jahr 2001. 2005 Mitgründer von Galeria Plan B in Cluj, 2008 Eröffnung des permanenten Standorts in Berlin, seither pendelt Ghenie zwischen beiden Städten. 2011 Aufnahme in die Pace Gallery, parallele Vertretung durch Thaddaeus Ropac. 2015 Vertretung Rumäniens an der 56. Biennale di Venezia mit dem Solo-Pavillon „Darwin's Room". Solo-Stationen unter anderem an der Tate Liverpool, am San Francisco Museum of Modern Art und an der Fondazione Palazzo Strozzi in Florenz. Im Winter 2024–2025 zeigt die Albertina in Wien das Solo „Shadow Paintings" mit Ghenies rohen Übermalungen auf drei verlorene Schiele-Werke; das Kupferstich-Kabinett in Dresden widmet seinen Zeichnungen und Collagen der vergangenen zwei Jahrzehnte eine eigene Übersicht. Eine Position, die das Geschichtliche nicht zitiert, sondern als Material behandelt — und damit für eine expressive Malerei, die sich der Glätte verweigert, anschlussfähig bleibt.

INSTITUTION

Julie Mehretu

geb. 1970, Addis Abeba · New York · Marian Goodman / White Cube

Julie Mehretu hat die abstrakte Malerei der letzten zwei Jahrzehnte dadurch verändert, dass sie sie wieder politisch lesbar gemacht hat. Ihre Großformate kombinieren architektonische Linien, Stadtgrundrisse, Karten politischer Konflikte und expressive Pinselgesten zu vielschichtigen Tableaus, in denen abstrakte Form und sozialhistorische Inhalt ohne Auflösung nebeneinanderstehen. Die Technik ist konsequent: gezeichnete Vektoren in Tinte, gefolgt von Acryl-Lasuren und gestischen Auftragungen, wiederholt geschichtet, bis die Tiefe selbst zum Inhalt wird. Die Werke entwickeln sich nicht nach einer Komposition, sondern nach einer Logik der Akkumulation.

Geboren 1970 in Addis Abeba, Übersiedlung 1977 mit der Familie nach East Lansing, Michigan. BA Kalamazoo College, MFA Rhode Island School of Design 1997. Vertretung durch Marian Goodman und White Cube. 2005 MacArthur Fellowship, 2015 Medal of Arts des US-Außenministeriums, 2021 Aufnahme in die American Academy of Arts and Sciences, 2025 Officer des französischen Ordre des Arts et des Lettres. Solo-Stationen: Walker Art Center Minneapolis (2003), REDCAT Los Angeles und Albright-Knox Buffalo (2004), MUSAC León (2006), Detroit Institute of Art und Louisiana Museum Humlebæk (2007), Deutsche Guggenheim Berlin (2009), Solomon R. Guggenheim Museum New York (2010), Serralves Porto und Centro Botín Santander (2017), Whitney Museum of American Art und LACMA Retrospektive (2021). White Cube Bermondsey zeigte zuletzt das Großprojekt „They departed for their own country another way (a 9x9x9 hauntology)" mit drei neuen Bildserien — eine davon auf semi-transluzentem Polyester-Mesh, mit Bildmaterial aus aktuellen Konflikten. Eine Position, die für jede zeitgenössische Befragung des großen Tafelbilds als Referenz dient.

INSTITUTION

Avery Singer

geb. 1987, New York · Hauser & Wirth

Avery Singer arbeitet an der einzigen Stelle, an der die zeitgenössische Malerei das Verhältnis zur Maschine offen verhandelt. Ihre Bilder entstehen in einem mehrstufigen Prozess: Modellierung in 3D-Software (SketchUp, Blender, DAZ 3D), Projektion auf vorgrundierte Großleinwände, Auftrag mit industrieller Airbrush und Acrylfarben in präzise getakteten Lagen. Das Ergebnis sind monumentale, oft monochromatisch gehaltene Kompositionen, die wie Renderings wirken, aber als gemalte Objekte präsent bleiben — ein Dazwischen, das sich weder in der Tradition des Trompe-l'œils noch in der Logik des digitalen Bildes auflösen lässt.

Geboren 1987 in New York, aufgewachsen im Kreis künstlerischer Eltern (Janet Kusmierski und Greg Singer), benannt nach dem amerikanischen Maler Milton Avery. 2008 Studium an der Städelschule Frankfurt, 2010 BFA an der Cooper Union New York. 2019 Aufnahme in das Programm von Hauser & Wirth — zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung jüngste Künstler:in im Programm der Galerie. Im selben Jahr Beteiligung am Zentralpavillon der 58. Biennale di Venezia. Institutionelle Solo-Stationen: Kunsthalle Zürich (2014), Hammer Museum Los Angeles (2015), Fondazione Sandretto Re Rebaudengo Turin (2015), Stedelijk Museum Amsterdam (2016), Wiener Secession (2016), Kölnischer Kunstverein (2017), Museum Ludwig Köln (2019), Museu de Arte Contemporânea de Serralves Porto (2025). Singer ist die Position, an der nachvollziehbar wird, dass die Konfrontation Malerei–Bildschirm kein verlorener Kampf ist, sondern eine produktive Verschiebung des Mediums.

TOP-GALERIE

Allison Katz

geb. 1980, Montreal · London · Hauser & Wirth / Gió Marconi / Antenna Space / dépendance

Allison Katz baut über eine Dekade an einem Werk, das die Frage stellt, wie autobiografische Bildelemente in einer öffentlich zirkulierenden Malerei lesbar werden. Ihre Bilder kehren in unregelmäßigen Abständen zu einem Set wiederkehrender Motive zurück — Hähne, Kohlköpfe, Münder, Aufzüge, Flussläufe, Variationen ihres eigenen Namens als grafisches Element — und arrangieren sie zu Konstellationen, die wie ein langfristig geführtes Bildtagebuch funktionieren. Die Maltechnik ist bewusst variabel: dünne Lasuren neben pastoser Auftragung, plakatives Layout neben atmosphärischer Bildregie, akademisches Handwerk neben demonstrativer Ungelenkheit.

Geboren 1980 in Montreal, BFA an der Concordia University in Montreal, MFA Columbia 2008, lebt seither in London. Seit September 2022 von Hauser & Wirth in Kollaboration mit Gió Marconi (Mailand), Antenna Space (Shanghai) und dépendance (Brüssel) vertreten. 2022 Beteiligung an „The Milk of Dreams", 59. Biennale di Venezia. 2023 Gershon-Iskowitz-Preis (75.000 kanadische Dollar plus Solo an der Art Gallery of Ontario, Toronto). 2024 doppelte Position als Künstlerin und Kuratorin einer Gruppenausstellung am Aspen Art Museum. Solo-Stationen bei Hauser & Wirth: „Outta the Bag" New York und „Westward Ho!" — letzteres als raumgreifende Auseinandersetzung mit der amerikanischen Frontier-Mythologie. Im Oktober 2026 öffnet das Montreal Museum of Fine Arts „Jeu d'esprit", ihre erste umfangreiche Heimatretrospektive (9. Oktober 2026 bis 14. März 2027).

TOP-GALERIE

Anna Weyant

geb. 1995, Calgary · New York · Gagosian

Anna Weyant ist die jüngste der hier vertretenen Positionen und seit ihrer Aufnahme in das Programm von Gagosian im Mai 2022 die wahrscheinlich am stärksten beobachtete junge figurative Malerin der Gegenwart. Ihre Arbeiten entstehen auf dunkel grundierten Leinwänden, in einer fein lasierten Öltechnik, die offenkundig auf das niederländische Goldene Zeitalter zurückgreift, ohne dabei zur Pastiche zu werden. Stattdessen schiebt Weyant in das alte Vokabular ein zeitgenössisches Bildrepertoire ein: Posen aus Mode-Editorials und Social-Media-Selbstinszenierungen, gefroren in einem Licht, das näher an Vermeer als an Instagram steht.

Geboren 1995 in Calgary, Alberta. BFA Rhode Island School of Design 2017. Vorherige Solos bei Blum & Poe (heute Blum) — „Loose Screw" in Los Angeles 2021 und „Splinter" in Tokio 2022. Seit 2022 weltweite Vertretung durch Gagosian. Im Oktober 2024 zeigt Gagosian London Davies Street das Solo „Who's Afraid of the Big Bad Wolves" mit einer Reihe großformatiger Frauenporträts, die auf Märchenmotive zurückgreifen. Erste institutionelle Einzelausstellung 2025 am Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid: über zwanzig Werke im Dialog mit der historischen Sammlung des Hauses, kuratorisch konzipiert als Konfrontation zwischen alter Meisterei und einer Generation, die das Genre des intimen Frauenporträts neu auslegt. Eine Position, die in der Geschwindigkeit ihrer Markterzählung Aufmerksamkeit verlangt — und in der Geduld ihres maltechnischen Aufbaus diese Aufmerksamkeit rechtfertigt.

EMERGING

Technik der Ausgabe

Imprimatura — Die getönte Untermalung

Die Imprimatura — italienisch für „erste Färbung" — ist eine der ältesten Konstanten professioneller Ölmalerei und gehört zu jenen Techniken, die in der Postmoderne als akademisch galten und in der Gegenwart wieder zentral werden. Sie bezeichnet eine dünne, lasierende Tönung der Grundierung mit einem warmen oder kühlen Erdpigment in Öl- oder Harzbindung, aufgetragen vor dem ersten figurativen Bildakt. Die Imprimatura ersetzt das reine Weiß der Leinwand durch einen mittelhellen Wert, der dem Bild von Anfang an Tiefe gibt — Lichter und Dunkelheiten beziehen sich nicht mehr auf einen leeren weißen Grund, sondern auf einen tonigen Mittelwert. Im Ergebnis hält das Bild jene räumliche Präsenz, die alleine über kalte und warme Schichten ohne weitere Eingriffe nicht erzeugbar ist.

In der Praxis ist die Imprimatura keine bloß historische Disziplin, sondern eine Entscheidungstechnik. Tizian, Velázquez, Rembrandt und in der Moderne unter anderen Lucian Freud und Adrian Ghenie arbeiten über getönten Gründen — bei Ghenie ist der Spachtelauftrag durch die warme Imprimatura unterhalb der oberen Lagen sichtbar gemacht, was die für sein Werk charakteristische Tiefe ohne Effekt ergibt. Tobias Pils setzt eine kühle, fast neutrale Imprimatura zwischen den schwarzen und weißen Lagen seiner monochromen Bilder. Mohammed Sami benutzt eine ungewöhnlich helle, fast sandfarbene Tönung, die seinen Innenräumen die spezifische, warme Schwere gibt.

Material: Leinwand mit halbabsorbierendem Acryl- oder Ölgrund (klassisch: Hasenleim mit Kreide-Bologneser-Grund, modern: Acryl-Gesso in zwei Lagen), ein Erdpigment der Wahl als Imprimatura-Ton (warm: gebrannter Sienna, gebranntes Umbra, neapelgelbe Töne; kühl: Terre verte, Pariserblau verdünnt, Schwarz-Erde-Mischung), Leinöl oder Dammar-Firnis als Bindemittel, Terpentin (Balsam, nicht industriell), breiter Schwammpinsel oder weicher Lappen, sauberer Spachtel, ein zugespitzter Holzgriff.

Ziel: einen mittelwertigen, gleichmäßigen, leicht durchscheinenden Tongrund zu erzeugen, der die Lichter erst durch ihre Höherstellung gegen ihn entstehen lässt und die Schatten nicht aus dem Schwarzgrund, sondern aus der Verdichtung des Tongrunds heraus aufbaut. Die Imprimatura soll nicht decken, sondern den Grund tönen.

Schritte:

  1. Grund prüfen. Die Imprimatura wirkt nur, wenn der Untergrund halbabsorbierend ist — vollständig glatte oder ölgesättigte Gründe lassen die Tönung nicht eindringen, vollständig saugende Gründe ziehen das Pigment uneinheitlich. Für Acryl-Gesso reicht in der Regel eine zweite Lage, leicht angeschliffen.
  2. Pigment anrühren. Eine kleine Menge des gewählten Pigments (Erbsengröße) mit dem Bindemittel zu einer dünnen Lasur verarbeiten — die Konsistenz soll der eines schwachen Tees ähneln, nicht der von Tinte und nicht der von Sahne. Bei Öl: dreißig bis fünfzig Prozent Terpentin im Verhältnis zum Leinöl. Bei Acryl: dreißig Prozent Wasser zu siebzig Prozent Glaze-Medium.
  3. Auftrag. Mit dem Schwammpinsel oder einem weichen Lappen in einer Lage gleichmäßig in Kreuz- und Längsrichtung über die ganze Leinwand auftragen. Direkt im Anschluss mit einem zweiten, sauberen Lappen die Tönung gleichmäßig verreiben — das Pigment soll im Grund sitzen, nicht auf ihm liegen. Die Schicht muss durchscheinend bleiben: hält man die Leinwand gegen das Licht, soll der Webstoff erkennbar bleiben.
  4. Trocknen. Bei Öl: drei bis fünf Tage in staubfreier, gleichmäßig temperierter Umgebung. Bei Acryl: vierundzwanzig Stunden. Eine Imprimatura, die noch klebt, mischt sich beim ersten Auftrag der oberen Lage und ergibt eine schmierige Mittelzone — was dann zerstört, was die Imprimatura überhaupt erzeugen soll.
  5. Erste Lichter setzen. Die ersten figurativen Eingriffe erfolgen ausschließlich als Lichter — heller als der Tongrund — und nicht als Konturen. Die Schatten entstehen erst später aus der Verdichtung weiterer Lagen, nicht aus dem ersten Auftrag. Diese Reihenfolge ist die zentrale Disziplin der Imprimatura-Technik.
  6. Schichtweise weiterbauen. Spätere Lagen folgen der klassischen Regel „fett über mager" (höherer Bindemittelanteil in jeder neuen Schicht), wobei die Imprimatura über die gesamte Bildentwicklung hinweg an einzelnen Stellen sichtbar bleiben darf — diese Stellen werden zu Tonbrücken, die das Bild zusammenhalten.

Erwartetes Ergebnis: ein Bild mit räumlicher Präsenz von Anfang an, in dem Lichter und Dunkelheiten nicht gegen einen weißen Grund, sondern aus einem geschlossenen Mittelwert heraus erscheinen. Die Imprimatura ist keine kosmetische Technik. Sie ist die Bedingung dafür, dass die obere Malerei überhaupt Tiefe haben kann — und in einer Saison, in der die Sammlerseite genau diese Tiefe wieder honoriert, eine der am verlässlichsten investierten Stunden der Atelierarbeit.

Oldenburg

Oldenburger Kunstverein

Babette Semmer — Die Zähmung

20. Februar – 10. Mai 2026

Letzte Wochen der ersten großen institutionellen Einzelausstellung der 1989 in London geborenen, heute in Berlin lebenden Malerin Babette Semmer. Ihre Praxis arbeitet mit fotografischem Ausgangsmaterial — Jugendzeitschriften, Soaps, Internetforen, KI-generierten Bildern, privaten Aufnahmen — und überträgt es auf mit Quarzsand grundierte Leinwände. Die körnige Oberfläche evoziert die Anmutung analoger Filmemulsion, während die fotorealistische Maltechnik den Vorlagen ihre digitale Glätte abringt. Ein präzises Beispiel für den materialgebundenen Zugriff, den die Sammlerseite in der laufenden Saison wieder honoriert.

Bremen

Weserburg Museum für moderne Kunst

Anys Reimann — Mirrorball

2. Mai – 4. Oktober 2026

Soeben eröffnete erste museale Einzelausstellung der 1965 in Düsseldorf geborenen Künstlerin. Reimann arbeitet zwischen Malerei, Collage, Skulptur und Installation am Spannungsfeld von Identität, Körper und kultureller Repräsentation und ist vor allem für ihre Bildnisse Schwarzer Frauen bekannt — selbstbewusst, vielschichtig, herausfordernd. „Mirrorball" zeigt großformatige Collage-Gemälde, rätselhafte Lederplastiken, Spiegelobjekte und Körperabgüsse mit geballten Fäusten. Eigens für die Ausstellung entstand ein begehbarer schwarzer Garten — eine Insellandschaft mit ausschließlich schwarz blühenden Pflanzen, ergänzt um ortsspezifische Düfte.