Die Imprimatura — italienisch für „erste Färbung" — ist eine der ältesten Konstanten professioneller Ölmalerei und gehört zu jenen Techniken, die in der Postmoderne als akademisch galten und in der Gegenwart wieder zentral werden. Sie bezeichnet eine dünne, lasierende Tönung der Grundierung mit einem warmen oder kühlen Erdpigment in Öl- oder Harzbindung, aufgetragen vor dem ersten figurativen Bildakt. Die Imprimatura ersetzt das reine Weiß der Leinwand durch einen mittelhellen Wert, der dem Bild von Anfang an Tiefe gibt — Lichter und Dunkelheiten beziehen sich nicht mehr auf einen leeren weißen Grund, sondern auf einen tonigen Mittelwert. Im Ergebnis hält das Bild jene räumliche Präsenz, die alleine über kalte und warme Schichten ohne weitere Eingriffe nicht erzeugbar ist.
In der Praxis ist die Imprimatura keine bloß historische Disziplin, sondern eine Entscheidungstechnik. Tizian, Velázquez, Rembrandt und in der Moderne unter anderen Lucian Freud und Adrian Ghenie arbeiten über getönten Gründen — bei Ghenie ist der Spachtelauftrag durch die warme Imprimatura unterhalb der oberen Lagen sichtbar gemacht, was die für sein Werk charakteristische Tiefe ohne Effekt ergibt. Tobias Pils setzt eine kühle, fast neutrale Imprimatura zwischen den schwarzen und weißen Lagen seiner monochromen Bilder. Mohammed Sami benutzt eine ungewöhnlich helle, fast sandfarbene Tönung, die seinen Innenräumen die spezifische, warme Schwere gibt.
Material: Leinwand mit halbabsorbierendem Acryl- oder Ölgrund (klassisch: Hasenleim mit Kreide-Bologneser-Grund, modern: Acryl-Gesso in zwei Lagen), ein Erdpigment der Wahl als Imprimatura-Ton (warm: gebrannter Sienna, gebranntes Umbra, neapelgelbe Töne; kühl: Terre verte, Pariserblau verdünnt, Schwarz-Erde-Mischung), Leinöl oder Dammar-Firnis als Bindemittel, Terpentin (Balsam, nicht industriell), breiter Schwammpinsel oder weicher Lappen, sauberer Spachtel, ein zugespitzter Holzgriff.
Ziel: einen mittelwertigen, gleichmäßigen, leicht durchscheinenden Tongrund zu erzeugen, der die Lichter erst durch ihre Höherstellung gegen ihn entstehen lässt und die Schatten nicht aus dem Schwarzgrund, sondern aus der Verdichtung des Tongrunds heraus aufbaut. Die Imprimatura soll nicht decken, sondern den Grund tönen.
Schritte:
- Grund prüfen. Die Imprimatura wirkt nur, wenn der Untergrund halbabsorbierend ist — vollständig glatte oder ölgesättigte Gründe lassen die Tönung nicht eindringen, vollständig saugende Gründe ziehen das Pigment uneinheitlich. Für Acryl-Gesso reicht in der Regel eine zweite Lage, leicht angeschliffen.
- Pigment anrühren. Eine kleine Menge des gewählten Pigments (Erbsengröße) mit dem Bindemittel zu einer dünnen Lasur verarbeiten — die Konsistenz soll der eines schwachen Tees ähneln, nicht der von Tinte und nicht der von Sahne. Bei Öl: dreißig bis fünfzig Prozent Terpentin im Verhältnis zum Leinöl. Bei Acryl: dreißig Prozent Wasser zu siebzig Prozent Glaze-Medium.
- Auftrag. Mit dem Schwammpinsel oder einem weichen Lappen in einer Lage gleichmäßig in Kreuz- und Längsrichtung über die ganze Leinwand auftragen. Direkt im Anschluss mit einem zweiten, sauberen Lappen die Tönung gleichmäßig verreiben — das Pigment soll im Grund sitzen, nicht auf ihm liegen. Die Schicht muss durchscheinend bleiben: hält man die Leinwand gegen das Licht, soll der Webstoff erkennbar bleiben.
- Trocknen. Bei Öl: drei bis fünf Tage in staubfreier, gleichmäßig temperierter Umgebung. Bei Acryl: vierundzwanzig Stunden. Eine Imprimatura, die noch klebt, mischt sich beim ersten Auftrag der oberen Lage und ergibt eine schmierige Mittelzone — was dann zerstört, was die Imprimatura überhaupt erzeugen soll.
- Erste Lichter setzen. Die ersten figurativen Eingriffe erfolgen ausschließlich als Lichter — heller als der Tongrund — und nicht als Konturen. Die Schatten entstehen erst später aus der Verdichtung weiterer Lagen, nicht aus dem ersten Auftrag. Diese Reihenfolge ist die zentrale Disziplin der Imprimatura-Technik.
- Schichtweise weiterbauen. Spätere Lagen folgen der klassischen Regel „fett über mager" (höherer Bindemittelanteil in jeder neuen Schicht), wobei die Imprimatura über die gesamte Bildentwicklung hinweg an einzelnen Stellen sichtbar bleiben darf — diese Stellen werden zu Tonbrücken, die das Bild zusammenhalten.
Erwartetes Ergebnis: ein Bild mit räumlicher Präsenz von Anfang an, in dem Lichter und Dunkelheiten nicht gegen einen weißen Grund, sondern aus einem geschlossenen Mittelwert heraus erscheinen. Die Imprimatura ist keine kosmetische Technik. Sie ist die Bedingung dafür, dass die obere Malerei überhaupt Tiefe haben kann — und in einer Saison, in der die Sammlerseite genau diese Tiefe wieder honoriert, eine der am verlässlichsten investierten Stunden der Atelierarbeit.