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← Archiv No. 11 · Juli 2026 Was die Kunst weiß. Archiv

Markt & Preise

Der Markt flüchtet sich in den Kanon

Der Kunstmarkt ist im ersten Halbjahr 2026 mit einer Wucht zurückgekehrt, die vor zwölf Monaten kaum jemand für möglich gehalten hätte. Christie's meldete für die ersten sechs Monate einen Gesamtumsatz von 4,5 Milliarden Dollar, davon 3,5 Milliarden Dollar aus öffentlichen Auktionen — ein Plus von 71 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, bei einer Verkaufsquote von 91 Prozent. Sotheby's zog mit 3,4 Milliarden Dollar Auktionsumsatz (plus 59 Prozent) und einem Rekord bei den Privatverkäufen (826 Millionen Dollar) nach. Zusammen mit Phillips kamen die drei großen Häuser im ersten Halbjahr auf 6,8 Milliarden Dollar Gesamtumsatz, ein Plus von 70 Prozent im Jahresvergleich.

Treiber der Erholung war weniger spekulativer Zeitgenossen-Hunger als die Rückkehr zu musealen Kernbeständen aus großen Nachlässen. Bei Christie's Mai-Auktion der Sammlung des Condé-Nast-Patriarchen S. I. Newhouse stellte Jackson Pollocks Number 7A mit 181,2 Millionen Dollar einen neuen Rekord für den Abstrakten Expressionismus auf. Aus derselben Sammlung erzielte Joan Mirós Portrait de Madame K. 53,5 Millionen Dollar. Bei Sotheby's Verkauf der Sammlung des Kunsthändlers Robert Mnuchin erreichte Mark Rothkos Brown and Blacks in Reds 85,8 Millionen Dollar — übertroffen von Rothkos No. 15 (Two Greens and Red Stripe) aus der Sammlung der früheren MoMA-Präsidentin Agnes Gund, das bei Christie's 98,4 Millionen Dollar erzielte: der höchste je für ein Werk des Künstlers gezahlte Preis. Aus dem Nachlass der Galeristin Marian Goodman wechselte Gerhard Richters Stillleben Kerze (Candle) für 35,1 Millionen Dollar den Besitzer, bei Sotheby's erzielte Jean-Michel Basquiats Museum Security (Broadway Meltdown) 52,7 Millionen Dollar.

Auch London zeigte Stärke: Die Versteigerung der Sammlung von Joe Lewis erbrachte im Abendverkauf 296,3 Millionen Pfund und wurde von Sotheby's als wertvollster Verkauf von Werken des Impressionismus, der Moderne und der Gegenwartskunst bezeichnet, der je in Europa stattgefunden hat. Der Gesamtumsatz Londons stieg laut ArtTactic im ersten Halbjahr um 131 Prozent auf 1,42 Milliarden Dollar. Das Bild ist eindeutig: 2026 ist das Jahr, in dem der Markt sein Vertrauen in kanonisierte Nachkriegsmalerei zurückgewonnen hat — nicht in das nächste große Ding.

Im Kommen — Names to Watch

Fünf Positionen, die gerade Fahrt aufnehmen

Neue Galerie-Vertretungen, ausverkaufte Messestände und institutionelle Ankäufe: Diese fünf Malerinnen haben in den vergangenen Monaten sichtbar an Fahrt gewonnen.

Die 1994 in Chengdu geborene, in Los Angeles lebende Malerin ist seit 2026 bei der Marianne Boesky Gallery vertreten und war im Juni mit ihren Arbeiten am Messestand der Galerie auf der Art Basel präsent. Zhong übersetzt selbst angefertigte Fotocollagen ihrer Heimatstadt in gestisch-abstrakte Kompositionen, in denen flüchtige figurative Spuren auftauchen und wieder verschwinden — eine Malerei über die Unzuverlässigkeit der Erinnerung.

Nach einer Auszeit vom Kunstbetrieb meldet sich die 1979 in Seoul geborene, in Pittsburgh lebende Malerin zurück: Die Bortolami Gallery gab 2026 ihre Vertretung bekannt, parallel läuft eine Einzelausstellung im Rubell Museum in Miami. Paik, ausgebildet in traditioneller ostasiatischer Malerei, verzerrt Körperlandschaften zu surrealen, kartografischen Bildern des eigenen Leibes.

Der nigerianisch-britische Maler gewann 2026 in Berlin den Young Generation Art Award von Degussa und Monopol — die Jury wählte seine Malerei aus rund 400 Bewerbungen als technisch virtuos und sozial relevant aus. Der Preis bringt eine Einzelausstellung im Rahmen der Frieze London 2026 mit sich. Nwadiogbu hat mit seiner Bewegung „Contemporealism" einen hyperrealistischen, in leuchtendem Gelb gehaltenen Porträtstil entwickelt.

Die 1980 in Burgos geborene, in Los Angeles ansässige Künstlerin wird seit 2026 von der New Yorker Galerie Casey Kaplan vertreten; ihr Werk Blue-fire war Teil eines auf der Art Basel restlos ausverkauften Standes. Ihre Malerei bewegt sich zwischen Erinnerung, Migration und familiärer Erzählung und verdichtet biografisches Material zu reduzierten, materialbewussten Bildoberflächen.

Die in Kyoto arbeitende Malerin und Keramikerin zeigte bei der Londoner Galerie Public im Rahmen der Frieze-New-York-Sektion „Focus" neue Gemälde und ihre bislang größte Keramikserie. Ihre Arbeiten gehörten zu den Werken, die der neu gegründete Sherman Fund im Rahmen seines ersten Förderjahrs für US-Museumssammlungen ankaufte, darunter das Baltimore Museum of Art und das Brooklyn Museum. Takebayashi trägt Öl- und Acrylfarbe in stark verdünnten, transluzenten Schichten auf, um geologische Zeiträume und Wassererosion bildlich zu übersetzen — eine leise, meditative Gegenposition zur lauten Marktmalerei.

Stil & Material

Textur als Widerstand

Auf den Kojen der großen Messen — Frieze New York, Frieze London, Art Basel — zeichnet sich 2026 eine doppelte Bewegung ab. Auf der einen Seite eine spürbare Rückkehr der Abstraktion in die New Yorker Galerien, nachdem figurative Malerei über Jahre den Ton angab; gestische Pinselzüge und schräg gesetzte Farbfelder drängen die Porträts und surrealistischen Tableaus der vergangenen Saison zurück. Auf der anderen Seite verweigert sich diese neue Abstraktion konsequent der reinen Fläche: Textur ist nicht länger Dekor, sondern Beweis von Zeit und Berührung. Dick aufgetragene Farbe mit dem Spachtel, geschichtete Malschichten, skulptural aufgebaute Oberflächen bestimmen einen Großteil der aktuellen Produktion — eine Absage an die glatte, digital anmutende Bildfläche der vergangenen Dekade.

Material wird dabei zunehmend hybride eingesetzt. Auf den Ständen der Frieze New York verband Reika Takebayashi Malerei mit Keramik, arbeiteten andere Positionen mit Kaktussaft und Erde auf großformatigen Betonwandobjekten. Gold- und Kupferblattauflagen, Stoff, Plexiglas und geschichtete Fundstücke verschmelzen zunehmend mit der Leinwand, sodass die Grenze zwischen Malerei und Skulptur poröser wird. Der Wunsch nach unmittelbar spürbarer, „von Hand gemachter" Materialität lässt sich als Gegenreaktion auf digitale Bildproduktion und KI-generierte Bilder lesen.

Zugleich holt die junge Malerei die eigene Geschichte ein: Ein Panel im Rahmen der Feiern zum 90-jährigen Bestehen der American Abstract Artists in New York verhandelte im Mai 2026 erneut den Begriff „Zombie-Formalismus" — jenen abwertenden Terminus, mit dem eine Generation überwiegend männlicher abstrakter Maler um 2014 stigmatisiert wurde, nachdem ihre Marktwerte binnen weniger Saisons um mehrere Tausend Prozent gestiegen und ebenso schnell wieder eingebrochen waren. Dass dieser Begriff ein Jahrzehnt später erneut verhandelt wird, ist selbst ein Symptom: Die aktuelle Generation abstrakter Maler:innen ist sichtlich bemüht, sich formal wie diskursiv von der reinen, seriell produzierbaren Geste abzugrenzen — durch Material, durch Bezug auf Erinnerung und Herkunft, durch das bewusst Langsame. Was gerade „out" ist: die glatte, kalkuliert unpersönliche Oberfläche, die sich zu leicht in ein Investment übersetzen lässt.

Zeitgeist-Essay

Zwei Erzählungen, ein Auseinanderklaffen

Zwei Erzählungen laufen 2026 nebeneinander her, und ihr Auseinanderklaffen ist die eigentliche Nachricht der Saison. Auf dem Auktionsmarkt hat sich Kapital in geradezu demonstrativer Weise in den kanonisierten Bestand zurückgezogen: Pollock, Rothko, Miró, Richter, Basquiat — lauter Namen, die längst museal abgesichert sind, gehandelt aus den Nachlässen von Sammlerlegenden wie S. I. Newhouse, Agnes Gund, Robert Mnuchin und Marian Goodman. Das ist kein Markt, der auf die Zukunft wettet. Es ist ein Markt, der sich, nach Jahren der Verunsicherung, in die Vergangenheit flüchtet und dort Preise erzielt, die selbst optimistische Schätzungen sprengen. Wenn ein Rothko für 98,4 Millionen Dollar den höchsten je für den Künstler gezahlten Preis markiert, ist das kein Zeichen von Risikofreude, sondern von Risikoscheu in historischem Ausmaß.

Genau in diesem Klima des kapitalgetriebenen Konservatismus vollzieht sich an der Basis, in den Galerien und auf den Messeständen, eine gegenläufige Bewegung. Die Namen, die 2026 tatsächlich Bewegung erzeugen — Tianyue Zhong, Seung Ah Paik, Reika Takebayashi, Patricia Fernández Carcedo —, arbeiten allesamt an einer Malerei, die sich der schnellen Wiedererkennbarkeit verweigert. Sie verschränken Erinnerung, Migration, Körper und Material zu Bildern, die sich nicht in einer Formel zusammenfassen lassen, die sich nicht in zwei Saisons zur Marke skalieren ließe. Das ist bemerkenswert, weil es sich lesen lässt als kollektive, vielleicht unbewusste Lehre aus dem Trauma des „Zombie-Formalismus": Eine Generation hat gesehen, was passiert, wenn eine Ästhetik zu schnell zu handelbar wird, und meidet seither die reine, seriell reproduzierbare Geste.

Das Ergebnis ist eine Malerei, die bewusst langsamer, materieller und biografischer geworden ist — Textur als Widerstand gegen die Liquidität des eigenen Mediums. Wo die glatte, digital anmutende Oberfläche der vergangenen Dekade sich reibungslos in JPEGs, in Investment-Decks übersetzen ließ, setzen die interessantesten Positionen von 2026 auf Kaktussaft, Keramikscherben, geschichtete Ölfarbe, verdünnte Lasuren — Materialien, die sich einer schnellen Reproduktion und einer schnellen Skalierung entziehen. Das ist auch ökonomisch lesbar: eine implizite Wette darauf, dass Werke, die schwer zu fotografieren, schwer zu skalieren und schwer in eine kohärente Marke zu pressen sind, dem nächsten Marktzyklus langfristig besser widerstehen als die x-te Abstraktion im altbekannten Format.

Für die kommenden zwölf bis achtzehn Monate bedeutet das: Der Markt wird weiter auf Nachkriegsklassiker setzen, solange die großen Nachlässe das hergeben. Die eigentliche Erzählung der Malerei aber entsteht woanders — in Ateliers, die sich explizit gegen die eigene Kommodifizierung wappnen, indem sie Malerei so kompliziert, hybrid und persönlich machen, wie es das Format gerade noch zulässt.

André Butzer

geb. 1973, Stuttgart · Berlin-Wannsee · Galerie Max Hetzler / Nino Mier

André Butzer malt seit über zwei Jahrzehnten an einem eigenen Personal-Kosmos aus grellfarbigen, comichaft verzerrten Figuren — den sogenannten „Friedens-Fürsten" und „N-Bildern" —, die zwischen kindlicher Fratze und existenzialistischer Fratze changieren. Die Malweise ist bewusst alla prima: Farbe wird nass in nass direkt auf die Leinwand gesetzt, ohne Korrekturschichten, sodass die Geste unmittelbar ablesbar bleibt. Butzer steht damit in einer dezidiert deutschen Traditionslinie, die Baselitz' und Immendorffs figurative Verstörung mit einer schrillen, fast plakativen Farbigkeit kurzschließt — eine Malerei, die die Frage nach deutscher Nachkriegs- und Erinnerungskultur nicht illustriert, sondern in Comic-Heroik verzerrt und dadurch erst zugänglich macht.

Butzer studierte an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und lebt in Berlin-Wannsee. Vertretung durch Galerie Max Hetzler (Berlin, Paris, London) und Nino Mier Gallery (New York, Brüssel, Los Angeles). Institutionelle Einzelausstellungen unter anderem im Theseustempel des Kunsthistorischen Museums Wien (2011), in der Kestnergesellschaft Hannover mit dem programmatischen Titel „Der wahrscheinlich beste abstrakte Maler der Welt" (2011), in der Kunsthalle Nürnberg (2009) sowie zuletzt im Museo Nacional Thyssen-Bornemisza Madrid (2023) und im Museo Novecento/Museo Stefano Bardini Florenz (2024). Werke befinden sich in den Sammlungen des Hamburger Bahnhof Berlin, der Hamburger Kunsthalle, des LACMA und MOCA Los Angeles, der Pinakothek der Moderne München, des mumok Wien und des Städel Museum Frankfurt.

INSTITUTION

Michael Armitage

geb. 1984, Nairobi · Nairobi / Indonesien / London · White Cube

Michael Armitage malt auf Lubugo — handgefertigtem Rindenstoff aus Uganda, dessen genähte Nähte, Löcher und unregelmäßige Textur die Ölfarbe durchdringen und die Bildfläche selbst zum Mitspieler machen. Inhaltlich verhandelt Armitage ostafrikanische Politik, Folklore und Alltagsgewalt — von Wahlkampf-Straßenschlachten in Nairobi bis zu queeren Nachtclub-Szenen — durch das Vokabular der europäischen Moderne: Gauguins Kolonialblick, Munchs Expressivität und die ostafrikanische Malertradition der Ecole de Paris-Nachfolge werden gegeneinander montiert, ohne dass eine Seite die andere dominiert. Das Ergebnis ist eine Malerei, die den Bildraum selbst als Ort kolonialer und postkolonialer Aushandlung begreift.

Armitage lebt zwischen Nairobi, Indonesien und London und wird von White Cube (London, Hongkong, New York, Paris, Seoul) vertreten. 2019 bespielte er den kenianischen Pavillon-Kontext auf der 58. Biennale von Venedig und erhielt eine Solopräsentation im Rahmen der MoMA Projects-Reihe in New York. 2021 zeigte die Royal Academy of Arts London seine Einzelausstellung „Paradise Edict", für die er den South Bank Sky Arts Award erhielt; seit 2022 ist er Royal Academician und gestaltete in diesem Amt die britische Ein-Pfund-Münze für die Royal Mint. Weitere Stationen: Haus der Kunst München (2020), Kunsthalle Basel (2022), Gruppenausstellungen in der Tate Modern (2023) und der Fondation Beyeler (2024). Werke unter anderem im MoMA New York und in der National Portrait Gallery London.

INSTITUTION

Jana Euler

geb. 1982, Friedberg · Frankfurt am Main / Brüssel · Greene Naftali / Galerie Neu

Jana Euler seziert mit ironischer Präzision die Mechanik des Malerei-Betriebs selbst: übersteigerte Haie mit Sonnenbrillen, „sensible Machos", technoid-glatte Porträts der eigenen Kunstszene. Ihre Bilder funktionieren wie Pointen, die erst beim zweiten Blick ihre analytische Schärfe zeigen — eine Malerei über Männlichkeit, Marktlogik und die Selbstinszenierung der Kunstwelt, die sich konsequent jeder Larmoyanz verweigert. Formal wechselt Euler zwischen hyperrealistischer Präzisionsmalerei und grob-comichafter Verzerrung, oft innerhalb desselben Bildes — ein Verfahren, das sie selbst mit Blick auf die Erwartungshaltung des Betrachters einsetzt.

Euler lebt zwischen Frankfurt am Main und Brüssel und wird von Greene Naftali (New York) sowie in Publikationszusammenhängen von Galerie Neu (Berlin) vertreten. Bereits 2012 widmete Isabelle Graw ihr in Artforum den Essay „Social Realism: The Art of Jana Euler". 2022 war sie auf der 59. Biennale von Venedig, „The Milk of Dreams", vertreten; 2017 zeigte das Stedelijk Museum Amsterdam eine Einzelausstellung, 2024 folgten Solopräsentationen im WIELS Brüssel („Oilopa") und im Leopold-Hoesch-Museum Düren. Für 2026 ist ein Standortprojekt im Museum Ludwig Köln angekündigt. Werke befinden sich in den Sammlungen des MoMA New York, der Tate Modern London, des Stedelijk Museum Amsterdam, des Kunstmuseum Basel und des Museum Brandhorst München.

INSTITUTION

Daniel Crews-Chubb

geb. 1984, Northampton · London · Timothy Taylor

Daniel Crews-Chubb baut seine Bilder wie Reliquien: Sackleinen, Gips, Metall, Sprühfarbe, Tinte und Sand verschmelzen mit Öl- und Acrylschichten zu massiven, oft über zwei Meter hohen „Guardian"-Figuren, die zwischen archaischer Idolplastik und Graffiti-Wand changieren. Die Materialrohheit und die schnelle, additive Arbeitsweise erinnern an Basquiats Umgang mit gefundenem Material ebenso wie an die körperhafte Prozesshaftigkeit des Abstrakten Expressionismus — bei Crews-Chubb wird daraus eine hybride Objektmalerei, die den Rahmen der Leinwand sprengt und ins Skulpturale kippt.

Crews-Chubb lebt in London und wird von Timothy Taylor (London, New York) vertreten. 2021/22 realisierte er mit „The Consequences of Play" eine öffentliche Kommission für English Heritage am Wellington Arch in London. 2024/25 zeigte das Long Museum West Bund in Shanghai mit „Immortals" seine erste institutionelle Einzelausstellung, 2023/24 folgte im Ashmolean Museum Oxford die Doppelschau „Ashmolean NOW" gemeinsam mit Flora Yukhnovich. Werke wurden unter anderem vom Ashmolean Museum Oxford, von Space K Seoul und von der Saatchi Gallery London angekauft; weitere Bestände liegen bei der Hall Art Foundation, Vermont, und im Museu Inimá de Paula, Belo Horizonte. Als Neuentdeckung dieser Ausgabe steht Crews-Chubb exemplarisch für eine junge britische Malerei, die Assemblage und Gemälde nicht mehr trennt.

TOP-GALERIE

Ilana Savdie

geb. 1986, aufgewachsen zwischen Barranquilla (Kolumbien) und Miami · Brooklyn · White Cube

Ilana Savdies Bilder gehen von den Kostümen und Masken des Barranquilla-Karnevals aus — jener kolumbianischen Tradition, in der Geschlecht, Tier und Groteske ineinander verschwimmen — und übersetzen sie in biomorphe, camouflageartig ineinander verschränkte Körperlandschaften. Öl, Acryl und Bienenwachs werden in dichten, oft schillernden Schichten übereinandergelegt, sodass Haut, Panzer und Textil kaum noch zu unterscheiden sind. Die Malerei changiert zwischen Verlockung und Abwehr, zwischen Tarnung und Exhibitionismus — ein queeres Vokabular der Camouflage, das sich der eindeutigen Lesbarkeit verweigert.

Savdie lebt in Brooklyn und wird von White Cube (London, Paris, New York) vertreten. 2023 zeigte das Whitney Museum of American Art in New York mit „Radical Contractions" ihre erste museale Einzelausstellung, es folgten Solopräsentationen bei White Cube Bermondsey London („In jest", 2022), White Cube Paris („Ectopia", 2024) und White Cube New York („Glottal Stop", 2025) sowie eine Teilnahme an der NGV Triennial in Melbourne (2023/24). 2020 erhielt sie die NXTHVN Fellowship. Werke befinden sich in den Sammlungen des Whitney Museum, des SFMOMA, des Hammer Museum Los Angeles und des Museum of Fine Arts Boston. Als jüngste der fünf Positionen dieser Ausgabe steht Savdie für eine Malerei, die Identität nicht behauptet, sondern verkleidet.

EMERGING

Atelier Studie

Alla Prima — Nass-in-Nass-Malerei

Alla Prima — italienisch für „auf Anhieb" — bezeichnet das direkte, nass-in-nass ausgeführte Malen ohne Wartezeit zwischen den Schichten: Jeder Pinselstrich trifft auf noch feuchte Farbe und mischt sich unmittelbar auf der Leinwand statt auf der Palette. Die Technik reicht bis in die Frühe Neuzeit zurück und wurde von Frans Hals und später von den Impressionisten zur zentralen Methode erhoben, weil sie erlaubt, ein Bild in einer einzigen Sitzung abzuschließen, ohne dass die Frische der ersten Beobachtung durch aufbauende Lasurschichten verloren geht. Im Expressionismus und in der abstrakt-figurativen Malerei der Gegenwart erlebt sie eine erneute Konjunktur — als Gegenpol zur kalkulierten, schichtweise aufgebauten Bildproduktion.

Unter den in dieser Ausgabe vorgestellten Positionen zeigt sich das Prinzip besonders deutlich bei André Butzer, dessen grellfarbige Figuren explizit im Alla-Prima-Verfahren entstehen — die unmittelbare Geste ist hier konstitutiv für die comichaft-existenzialistische Wirkung der Bilder. Auch Daniel Crews-Chubbs additive, schnell geschichtete Materialmalerei und Ilana Savdies in Bienenwachs gebundene Farbschichten setzen auf die Unmittelbarkeit des nassen Farbauftrags, statt auf die kontrollierte Trocknung zwischen den Lagen.

Material: grundierte Leinwand oder Holztafel, Ölfarbe (bei kurzer Sitzungsdauer alternativ schnelltrocknende Acrylfarbe), großzügig bemessene Palette, Borstenpinsel in mehreren Breiten für Grobauftrag, feinere Rundpinsel für Details, Malmittel nur sparsam (reines Öl oder leichtes Verdünnungsmittel, um die Konsistenz offen zu halten), Malmesser für Farbauftrag in dicken Partien, Lappen zum schnellen Korrigieren.

Schritte:

1. Komposition vorab klären. Da bei Alla Prima kaum nachträglich korrigiert wird, muss die Bildidee — Lichtführung, Hauptmassen, Farbverteilung — vor dem ersten Pinselstrich im Kopf oder in einer schnellen Skizze feststehen.

2. Große Farbflächen zuerst. Mit breitem Pinsel oder Malmesser werden die großen Hell-Dunkel- und Farbmassen zügig angelegt — nicht Detail für Detail, sondern Fläche für Fläche, sodass das gesamte Bild von Anfang an in Bewegung bleibt.

3. Nass in Nass arbeiten. Jede neue Farbe wird direkt in die vorherige, noch feuchte Schicht gesetzt. Übergänge entstehen durch das Vermischen auf der Leinwand, nicht durch vorgemischte Zwischentöne — das erzeugt lebendige, changierende Kanten.

4. Tempo halten. Die Sitzung wird zügig durchgezogen, im besten Fall ohne Unterbrechung. Zögern führt bei Alla Prima schnell zu „toter", überarbeiteter Farbe, weil die Frische der Mischung verloren geht.

5. Akzente setzen. Erst gegen Ende werden mit dem feineren Pinsel gezielte Lichter, Konturen oder Details gesetzt — dünn und bewusst sparsam, damit sie sich von der offenen Grundstruktur abheben, statt sie zuzudecken.

6. Bewusst unfertig lassen. Alla Prima verlangt, den Punkt zu erkennen, an dem weitere Bearbeitung die Bildfrische zerstören würde — ein Bild gilt als fertig, wenn die Geste noch lesbar ist, nicht wenn jede Fläche geschlossen ist.

Erwartetes Ergebnis: Ein Bild mit sichtbarer, unmittelbarer Pinselführung, lebendigen Farbübergängen und einer Frische, die sich mit nachträglicher Lasurtechnik nicht reproduzieren lässt — auf Kosten der Kontrolle, aber mit dem Gewinn einer Malerei, die den Moment ihrer Entstehung sichtbar mitträgt.

Oldenburg

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte

Leyla Yenirce — Werdegang

18. April – 23. August 2026

Die 1992 in Qubînê (Kurdistan) geborene, in Berlin lebende Künstlerin verbindet in Installationen, Gemälden und Videowelten Migration und feministische Selbstbehauptung mit persönlichen Erinnerungen. Im Zentrum ihrer großflächigen Ölmalereien steht ein per Siebdruck gestalteter „Chor der Frauen" aus Kunst, Literatur und Politik; eine Videoarbeit führt zurück in die Oldenburger Straßen, in denen Yenirce als Kind jesidischer Geflüchteter ihr erstes Zuhause in Deutschland fand.

Oldenburg

Oldenburger Kunstverein

Sonja Yakovleva — Schönheit rettet die Welt

29. Mai – 2. August 2026

Die in Potsdam geborene, in Frankfurt lebende Künstlerin nutzt das traditionell biedermeierlich konnotierte Medium des Scheren- und Papierschnitts für eine tabulose, feministische Perspektive auf die Gegenwart. Neben klassischen Scherenschnitten zeigt Yakovleva monumentale, eigens produzierte Cutter-Papierschnitte, die Sexualität, Körperlichkeit und die Selbstoptimierungslogik der Fitnessindustrie verhandeln.

Bremen

Weserburg Museum für moderne Kunst

Anys Reimann — Mirrorball

2. Mai – 4. Oktober 2026

Erste museale Einzelausstellung der 1965 in Düsseldorf geborenen Künstlerin, bekannt für vielschichtige Bildnisse Schwarzer Frauen, die westlich-kolonial geprägten Perspektiven eigensinnige Bildwelten entgegensetzen. Zu sehen sind großformatige Collage-Gemälde, Lederskulpturen, Spiegelobjekte sowie eine eigens geschaffene begehbare Garten-Installation mit schwarzblühenden Pflanzen.

Bremen

GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst

Produced on the Skin

23. Mai – 23. August 2026

Die Gruppenausstellung erforscht Grenzflächen und Membranen zwischen Individuum und Umwelt. Besonders die großformatigen, liegend gearbeiteten Malereien von Alex Hojenski entstehen aus Funktionstextilien, Pigmenten und Sand in einem langen Trocknungsprozess zu abstrakten, fotogrammartigen Formen — daneben zeigen Beth Collar gehüllte Tonfiguren und Harm Coordes & Luisa Recker einen partizipativen Werkstattbeitrag.