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← Archiv No. 12 · Juli 2026 Was die Kunst weiß. Archiv

Markt & Preise

Nachlässe treiben den Markt, das Mittelfeld bleibt zurück

Das erste Halbjahr 2026 markiert die stärkste Erholung des internationalen Auktionsmarkts seit fünf Jahren — getragen jedoch fast ausschließlich vom oberen Marktsegment. Christie's meldete für Januar bis Juni einen Gesamtumsatz von 4,5 Milliarden Dollar, davon 3,5 Milliarden aus Auktionen, ein Plus von 71 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum; die Verkaufsquote stieg auf 91 Prozent. Sotheby's übertraf dies mit 4,4 Milliarden Dollar Gesamtumsatz (plus 58 Prozent), auch begünstigt vom Umzug in das Breuer Building an der Madison Avenue.

Getragen wurde die Erholung von einzelnen großen Sammlungsauflösungen: Allein die Mai-Verkaufswoche bei Christie's in New York brachte 1,4 Milliarden Dollar ein, angeführt von der Sammlung des verstorbenen Verlegers S. I. Newhouse, die insgesamt 630,8 Millionen Dollar erzielte. Aus ihr stammte auch ein neuer Künstlerrekord: Jackson Pollocks Number 7A (1948) erzielte 181,2 Millionen Dollar. Ebenfalls bei Christie's stellte Mark Rothkos No. 15 (Two Greens and Red Stripe) mit 98,4 Millionen Dollar einen neuen Rekord für den Maler auf — der höchste je für Rothko gezahlte Preis.

Ganz anders das Bild bei jüngerer Kunst: In Sotheby's Abendauktion „The Now and Contemporary" stammten von 45 Losen nur zwei von Künstler:innen unter 40 Jahren, im Pendant bei Christie's war es unter 31 Losen ein einziges. Selbst Phillips, traditionell die Bühne für junge, spekulative Positionen, verzeichnete unter 42 Losen der Frühjahrs-Abendauktion nur ein Werk einer Künstlerin unter 40 — Anna Weyants Dinner (2019) für 980.400 Dollar. Phillips' Gesamtumsatz im ersten Halbjahr stieg zwar um 60 Prozent auf 507 Millionen Dollar, getragen jedoch maßgeblich von einer Uhrenauktion in Genf mit 43 neuen Rekorden, nicht von zeitgenössischer Malerei.

Der anhaltende Umbruch im Galeriensektor — im Februar schloss etwa Stephen Friedman Gallery in London und New York — bestätigt die wachsende Kluft zwischen Primär- und Sekundärmarkt. Dass Käufer:innen dennoch für nachweisliche Qualität zahlen, zeigte im April die restlos ausverkaufte Schau des Malers Nick Goss bei Josh Lilley in London: Die Preise zwischen 55.000 und 65.000 Pfund lagen nur knapp über seinem bisherigen Auktionsrekord von 50.800 Pfund — ein Signal, dass belastbare Primärmarktnachfrage für mittlere Preissegmente nicht verschwunden, sondern selektiver geworden ist. Auch London zeigte im Juni mit der Versteigerung der Sammlung Joe Lewis Stärke: der umsatzstärkste Einzelsammlungs-Verkauf, den der europäische Auktionsmarkt bislang verzeichnet hat.

Im Kommen — Names to Watch

Drei Positionen, die gerade Fahrt aufnehmen

Neue Galerie-Vertretungen und institutionelle Debüts: Diese drei Maler:innen haben in den vergangenen Monaten sichtbar an Fahrt gewonnen.

Der 1956 in Saitama geborene, in Düsseldorf lebende Maler kehrte nach dreißig Jahren als Übersetzer erst spät zur Malerei zurück — eingeladen von seinem langjährigen Freund Yoshitomo Nara. Seit 2025 vertreten von Pippy Houldsworth Gallery, London. Seine kindlich-morbiden Bildwelten verschränken japanische Folklore mit einer Farbsprache, die explizit auf Kirchner, Munch und de Kooning zurückgreift — eine seltene, glaubwürdige Brücke zwischen japanischer und deutscher expressionistischer Tradition.

Der 1970 in Alert Bay (Kanada) geborene Maler ist nach der Schließung seiner vorherigen Galerie 2026 neu bei Alison Jacques, London, vertreten. Glabush mischt Sand in die Ölfarbe und erzeugt reliefartige, fast skulpturale Oberflächen, mit denen er die Spannung zwischen Abstraktion und Landschaftsdarstellung neu verhandelt. Aktuell in der Gruppenausstellung „The Sun and the Moon" in der Saatchi Gallery, London, bis 8. September zu sehen.

Die 1992 in Corpus Christi geborene, in Brooklyn lebende Malerin (MFA Pratt Institute 2024) verschmilzt in ihren Leinwänden Malerei und Zeichnung zu rhythmischen, mit Fingern und Pastellkreide bearbeiteten Oberflächen. Vertreten von Uffner & Liu, New York. 2025 war sie in Pace Gallerys vielbeachteter Gruppenschau „land marks" in Los Angeles vertreten; Werke befinden sich in der JPMorganChase Art Collection.

Stil & Material

Die Leinwand wird wieder tastbar

Wo das vergangene Jahrzehnt von glatten, oft digital vorgedachten Bildoberflächen geprägt war, drängt sich derzeit eine Malerei in den Vordergrund, die ihre Materialität explizit ausstellt: Sand im Ölbindemittel, Pastellkreide, die direkt mit den Fingern in die nasse Farbschicht gezogen wird, mehrschichtige Lasuren, die je nach Lichteinfall changieren. Es ist eine Malerei, die ihre eigene Herstellung nicht kaschiert, sondern zum Thema macht — eine plausible Antwort auf eine Bildkultur, in der maschinell erzeugte Oberflächen zur Norm geworden sind. Die Hand, der Fehler, die Spur der Bewegung werden zum Wertversprechen.

Parallel dazu verschiebt sich die Farbpalette: weg von den kühlen, plakativen Flächenfarben der vergangenen Boom-Jahre, hin zu gebrochenen Erdtönen und gedämpften Ockern, die eher an domestizierte Interieurs erinnern als an spektakuläre Gesten — aber auch, gegenläufig dazu, hin zu einer expressiveren, fast greller aufgeladenen Chromatik, die unverhohlen bei der Zwischenkriegsmoderne Anleihen nimmt: verzerrte Physiognomien, drängende Pinselführung, eine Malerei, die Unruhe sichtbar machen will statt sie zu glätten. Beide Strömungen laufen derzeit nebeneinander her, ohne sich gegenseitig auszustechen.

Auffällig ist zudem die erneute Verhandlung von Vorkriegs- und Nachkriegsvokabularen, die lange als abgegolten galten: Nabis-hafte Interieurmalerei, die Farbfeld-Logik des Abstrakten Expressionismus, die deutsche expressionistische Figur als Referenzpunkt für eine Generation, die selbst keinen unmittelbaren biografischen Zugang zu diesen Traditionen hat, sie aber als formales Reservoir plündert. Reine Konzeptkunst und rein digitale Bildproduktion treten dagegen sichtbar in den Hintergrund. Was als Nächstes aus der Mode gerät: die unpersönliche, seriell wirkende Pop-Referenz ohne biografischen Unterbau — sie wirkt inzwischen eher dekorativ als aktuell.

Zeitgeist-Essay

Die anschlussfähigste Erzählung gewinnt

Der Kunstmarkt des Jahres 2026 erzählt eine Geschichte, die sich fast wörtlich in der Malerei selbst wiederholt: Es ist die Geschichte einer Rückkehr zum Kanon — nicht aus Mangel an Erfindungsgabe, sondern als bewusste, geradezu strategische Entscheidung. Während die Auktionshäuser Rekordsummen für Pollock und Rothko erzielen und ihre Umsätze fast ausschließlich aus Nachlässen speisen, die der große intergenerationale Vermögenstransfer gerade freigibt, bleibt der Markt für Kunst von unter Vierzigjährigen auf den großen Abendauktionen ein Nischenphänomen mit ein, zwei Losen pro Verkauf. Das ist kein zyklisches Randphänomen. Es ist die ökonomische Übersetzung eines ästhetischen Befunds: Die Gegenwartsmalerei, die derzeit reüssiert, tut dies nicht, weil sie etwas radikal Neues behauptet, sondern weil sie sich explizit als Erbin einer bereits legitimierten Formensprache positioniert.

Das ist weder Nostalgie noch Erschöpfung, sondern eine nüchterne Kalkulation angesichts eines Marktes, der Risiko nicht mehr honoriert. Wenn eine Sammlerklasse, die zunehmend überaltert und zugleich das mit Abstand größte Kapital kontrolliert, lieber für die hundertste Wiederkehr eines Rothko-Blaus zahlt als für eine unbekannte Formensprache, dann lernen junge Maler:innen genau das: Anschlussfähigkeit an die Kunstgeschichte wird zur Überlebensstrategie, nicht zur intellektuellen Verlegenheit. Die auffällige Häufung von Bezügen auf Vorkriegs- und Nachkriegsmoderne unter den gerade aufsteigenden Positionen ist deshalb kein Zufall, sondern eine rationale Antwort auf ein Marktsignal.

Das birgt eine unbequeme These für die kommenden zwölf bis achtzehn Monate: Die eigentliche Innovation der Malerei wird sich nicht mehr über neue Bildsprachen vollziehen, sondern über neue Materialstrategien innerhalb bekannter Bildsprachen — Textur, Bindemittel, Oberfläche als Ort der Differenz, wo Ikonografie längst durchdekliniert scheint. Gleichzeitig droht eine strukturelle Verarmung des Mittelbaus: Solange Galerien reihenweise schließen und die Kluft zwischen Primärmarktpreisen und Auktionsrealität wächst, verlieren gerade jene Künstler:innen ihre Plattform, die weder auf Nachlassware noch auf institutionelle Übernahmen zurückgreifen können.

Die Malerei der nächsten Saison wird deshalb zunehmend kuratorisch vorsortiert erscheinen — nicht durch den freien Markt, sondern durch ein enger werdendes Netz aus Mega-Galerien, Sammlungsstiftungen und einer Handvoll global vernetzter Museen, die entscheiden, welche Bildsprache als „relevant" gilt, bevor der breitere Markt überhaupt die Chance hat, sie zu testen. Wer in dieser Konstellation reüssiert, hat nicht zwangsläufig die überzeugendste Malerei gemacht — sondern die anschlussfähigste Erzählung geliefert.

Nicolas Party

geb. 1980, Lausanne · New York · Hauser & Wirth

Nicolas Party malt fast ausschließlich mit weichem Pastellkreide — einem Medium, das seit dem 18. Jahrhundert als überholt galt, bis Party es zur zentralen Technik einer hyperzeitgenössischen, unheimlich-verzerrten Bildwelt aus Porträts, Landschaften und Stillleben machte. Die Motive zitieren offen Vallotton, Hodler und Morandi, werden aber durch grelle, leicht toxisch wirkende Farbigkeit und surreal verschobene Proportionen ins Gegenwärtige gekippt. Party denkt dabei konsequent räumlich: Zu seinen Ausstellungen gehören oft eigens bemalte Wände und architektonische Eingriffe, die das einzelne Bild in eine Rauminstallation einbetten — eine Malerei, die die Grenze zur Skulptur und zum Environment aktiv sucht.

Party lebt in New York und wird von Hauser & Wirth vertreten. Museale Einzelausstellungen zeigten unter anderem das Montreal Museum of Fine Arts („L'heure mauve", 2022, über 100 Werke plus ortsspezifische Wandmalereien), das Museum Frieder Burda in Baden-Baden — seine erste Museumsausstellung in Deutschland —, das Hirshhorn Museum in Washington sowie MASI Lugano, das Poldi Pezzoli Museum Mailand, das Consortium Museum Dijon, das Magritte Museum Brüssel und das Dallas Museum of Art. 2023/24 war er Teil der Gruppenausstellung „Dix and the Present" in den Deichtorhallen Hamburg, gemeinsam mit Nicole Eisenman und Cindy Sherman. Aktuell zeigt Hauser & Wirth London mit „Clotho" neue Arbeiten.

INSTITUTION

Norbert Bisky

geb. 1970, Leipzig · Berlin · Esther Schipper

Norbert Bisky, in der DDR aufgewachsen und Schüler von Georg Baselitz an der Berliner Universität der Künste, verarbeitet die Bildsprache des sozialistischen Realismus und der Propagandaästhetik zu grellfarbigen, körperbetonten Kompositionen zwischen Utopie und Gewalt. Junge, oft schwebende oder stürzende Körper füllen die Leinwand in einer Farbigkeit, die zwischen Werbeästhetik und Alarmsignal changiert — eine Malerei, die die Erziehungsbilder der eigenen Kindheit gegen den Strich bürstet und dabei konsequent an der Grenze zwischen Figuration und Auflösung operiert.

Bisky lebt in Berlin und wechselte im März 2025 zu Esther Schipper, wo „Polympsest" seine erste Ausstellung mit der neuen Galerie war; zusätzlich zeigt ihn Templon (Paris, Brüssel, New York), zuletzt mit der Einzelausstellung „Ludology" in New York. 2022 widmete das SCAD Museum of Art in Savannah ihm die Einzelausstellung „Mirror Society", 2026 ist er in der Gruppenausstellung „Tausendmal Berlin" im Hamburger Bahnhof vertreten. Werke befinden sich in den Sammlungen des MoMA New York, des Museum Ludwig Köln, des Hamburger Bahnhof Berlin, der Staatsgalerie Stuttgart, der Berlinischen Galerie, des Städel Museum Frankfurt und des Israel Museum Jerusalem. Als Neuentdeckung dieser Ausgabe steht Bisky für eine explizit deutsche Traditionslinie zwischen Baselitz-Schule und Gegenwart.

INSTITUTION

Sanya Kantarovsky

geb. 1982, Moskau · New York · Capitain Petzel / VeneKlasen

Sanya Kantarovsky malt morbid-humorvolle Figurenszenen, in denen Scham, Zärtlichkeit und Groteske kaum zu trennen sind — Körper, die sich verrenken, verstecken oder unbeholfen aneinander vorbeigreifen, in dichten, literarisch grundierten Bildräumen mit Anleihen bei Comic und Buchillustration. Der expressive, oft nass-in-nass geführte Pinselduktus steht in bewusster Spannung zur genauen erzählerischen Konstruktion der Szenen — eine Malerei, die zwischen russischer Literaturtradition und amerikanischer Gegenwart vermittelt.

Kantarovsky lebt in New York und wird von Capitain Petzel (Berlin) sowie VeneKlasen (vormals Michael Werner Gallery, New York/London) und Modern Art (London) vertreten. Aktuell, parallel zur Biennale von Venedig 2026, zeigt das Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti im Palazzo Loredan seine Ausstellung „Basic Failure" — von Wallpaper als einer der Pflichttermine der Biennale-Saison genannt. Institutionelle Einzelausstellungen zeigten zuvor das Aspen Art Museum, die Kunsthalle Basel und die Fondazione Sandretto Re Rebaudengo Turin; Gruppenpräsentationen unter anderem bei der Pinault Collection Paris, der Kunsthalle Zürich und der Whitechapel Gallery London. Werke befinden sich in den Sammlungen des Metropolitan Museum of Art, der Tate, des Whitney Museum, des Hammer Museum und des Hirshhorn Museum.

TOP-GALERIE

Tomm El-Saieh

geb. 1984, Port-au-Prince, Haiti · Miami · Luhring Augustine

Tomm El-Saiehs großformatige Leinwände bauen sich aus dichten, rhythmisch wiederholten Farbzellen zu All-over-Kompositionen auf, die zwischen kartografischer Struktur und rauschhafter Auflösung changieren. Die Malerei speist sich explizit aus haitianischen Vodou-Traditionen — Trance, Perkussion, kollektive Wiederholung — und verschränkt sie mit der Geschichte der internationalen Abstraktion, ohne eine Seite der anderen unterzuordnen. Das Ergebnis ist eine Abstraktion, die nicht additiv, sondern aus ständiger Wiederholung und Verdichtung entsteht.

El-Saieh lebt in Miami und wird von Luhring Augustine (New York) vertreten. Das Clark Art Institute in Williamstown zeigt seit Januar 2022 eine langfristige Werkpräsentation, kuratiert von Robert Wiesenberger; 2018 widmete ihm das Institute of Contemporary Art Miami eine Einzelausstellung, im selben Jahr war er Teil der New Museum Triennial „Songs for Sabotage" in New York. 2022 bis 2024 war seine Arbeit in „Forecast Form: Art in the Caribbean Diaspora" im Museum of Contemporary Art Chicago vertreten. Werke befinden sich in den Sammlungen des Guggenheim Museum New York, des ICA Miami, des Blanton Museum of Art, der Rubell Family Collection und des Pérez Art Museum Miami. Parallel zur eigenen Praxis kuratiert El-Saieh über die Familiengalerie in Port-au-Prince haitianische Kunst jenseits des westlichen Kanons.

TOP-GALERIE

Danica Lundy

geb. 1991, Salt Spring Island, Kanada · Connecticut · White Cube

Danica Lundy zerlegt Alltagsszenen — eine Umkleidekabine, ein Drive-thru, eine Apotheke — in kubistisch fragmentierte, fast röntgenhafte Körperbilder, in denen mehrere Zeitpunkte und Perspektiven gleichzeitig sichtbar werden. Haut wird durchsichtig, Knochen und Organe treten neben Kleidungsstücke und Konsumgegenstände, sodass eine explizit körperlich-feministische Malerei entsteht, die den Blick auf den weiblichen Körper selbst seziert, statt ihn zu illustrieren.

Lundy wird von White Cube (London) vertreten. 2024 zeigte White Cube Mason's Yard mit „Boombox" ihre bislang umfangreichste Einzelausstellung in London, 2022 folgte „Stop Bath" bei White Cube Bermondsey. Aktuell läuft am Aldrich Contemporary Art Museum in Ridgefield, Connecticut, bis Januar 2027 die Doppelausstellung mit Ellen Altfest. Werke befinden sich in den Sammlungen des Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, der Art Gallery of Ontario, der Collezione Maramotti, des Dallas Museum of Art, des Denver Art Museum und der Art Gallery of New South Wales; Lundy erhielt zudem dreifach den Elizabeth Greenshields Foundation Grant. Als jüngste der fünf Positionen dieser Ausgabe steht sie für eine Malerei, die den Körper nicht darstellt, sondern aufschneidet.

EMERGING

Impasto — Malen mit dem Messer

Impasto — italienisch für „Teig" oder „Paste" — bezeichnet den dicken, reliefartigen Farbauftrag, bei dem die Ölfarbe nicht verdünnt, sondern in voller Konsistenz mit dem Malmesser oder dem Pinselstiel auf die Leinwand gesetzt wird, sodass sich echte, tastbare Erhebungen bilden. Rembrandt nutzte sie für Lichtpartien, Van Gogh machte sie zum konstitutiven Merkmal seiner gesamten Bildoberfläche, und in der Nachkriegsmalerei — von Auerbach bis zur deutschen Malerei der 1980er Jahre — wurde das Messer zum Werkzeug einer Malerei, die ihre eigene Herstellung nicht kaschiert, sondern ausstellt. Genau diese Haltung erlebt gerade, wie die Zeitgeist-Rubrik dieser Ausgabe zeigt, eine neue Konjunktur: Textur als Beweis von Zeit und Handarbeit, als Gegenpol zur glatten, digital anmutenden Bildfläche.

Material: grundierte Leinwand oder Holztafel (stabiler Träger, da die Farbschicht Gewicht hat), Ölfarbe unverdünnt aus der Tube, Malmesser in mehreren Größen und Klingenformen (rautenförmig für Flächen, schmal für Linien), steifer Borstenpinsel für Übergänge, Malmittel nur in Spuren oder ganz weglassen, Lappen und Terpentinersatz zur Reinigung des Messers zwischen den Farbaufträgen.

01
Untermalung dünn anlegen. Die Komposition wird zunächst mit stark verdünnter Farbe oder Kohle grob fixiert — Impasto folgt erst darauf, nicht als erste Schicht, sonst fehlt der Grund für die spätere Struktur.
02
Farbe unvermischt aufnehmen. Mit dem Malmesser wird die Farbe direkt aus der Tube oder von der Palette in möglichst reiner Konsistenz aufgenommen — je weniger vorgemischt, desto lebendiger die spätere Oberfläche.
03
In einer Bewegung auftragen. Das Messer wird in einem zügigen Zug über die Leinwand geführt, nicht wiederholt nachbearbeitet — jede zusätzliche Bewegung verschmiert die Kante und lässt die Struktur „tot" wirken.
04
Kanten und Grate stehen lassen. Die charakteristischen Grate, die beim Abziehen des Messers entstehen, werden bewusst nicht geglättet — sie fangen später das Licht ein und erzeugen die reliefartige Wirkung.
05
Schichten trocknen lassen. Dicke Impasto-Partien brauchen je nach Auftragsstärke Tage bis Wochen zum Durchtrocknen — wer zu früh übermalt, riskiert Risse in der Oberfläche.
06
Kontraste gezielt setzen. Dünn lasierte Partien neben dick aufgetragenem Impasto erzeugen einen Tiefeneffekt, der über reine Farbkontraste hinausgeht — die Textur selbst wird zum Kompositionsmittel.

Erwartetes Ergebnis: Eine Bildoberfläche mit echtem, im Streiflicht sichtbarem Relief, die Malprozess und Zeitaufwand physisch mitträgt — auf Kosten der Kontrolle über feine Details, aber mit einer Präsenz, die sich in keiner Reproduktion vollständig einfangen lässt.

Oldenburg

Horst-Janssen-Museum

Aus dem Rahmen gefallen?

19. Juni – Ende Oktober 2026

Kuratiert von Antje Tietken, versammelt die Schau Werke Horst Janssens, die als Schenkung oder Dauerleihgabe mit der Auflage ins Museum kamen, ihren ursprünglichen, oft ungewöhnlichen privaten Bilderrahmen zu behalten — historisierende Formen, Antiquitäten, auffällig moderne Fassungen. Die Ausstellung macht sichtbar, wie stark die Wahl des Rahmens die Wirkung einer Zeichnung verändert, sobald sie aus dem privaten Kontext in den White Cube des Museums wechselt.

Bremen

Paula Modersohn-Becker Museum

Wiebke Mertens — Main Character

13. Juni – 13. September 2026

Die 1997 in Suhl geborene, in Bremen lebende Malerin — Preisträgerin des Karin-Hollweg-Preises 2024 — zeigt neue Ölbilder auf Papier, die Gesten der Selbstinszenierung und Nähe im Kontext weiblicher Freundschaft untersuchen. Ungewöhnliche, teils posterartige Formate übersteigern Körperausschnitte und Bewegungsabläufe zu einem hybriden Bildtypus zwischen Malerei und Plakat — mit einer für die Ölfarbe auf Papier bemerkenswert intensiven Farbpräsenz.